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Predigt zur Einweihung der Kapelle

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gehalten am 5. Mai 2002:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! 

Wir beten: Herr, heilige uns durch die Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit.

Ihr kennt die Geschichte, wie Jakob sich den Segen seines erstgeborenen Bruders erschlich. Wir können aus diesem Vorfall viel über den Segen lernen: Segen, der vollmächtig erteilt wird, ist mehr als ein frommer Glückwunsch. Wäre vollmächtiger Segen nur ein guter und frommer Wunsch, dann hätte Isaak ja den Esau noch einmal segnen können, nachdem der erste „gute Wunsch“ gewissermaßen an den Falschen ging. Aber das war nicht möglich. Freilich: Jakob handelte nicht sehr fromm, als er seinen blinden Vater betrog. Der Gültigkeit des durch Isaak vollmächtig weitergegebenen Segens aber tat das überhaupt keinen Abbruch. Auch ein "erschlichener" Segen ist ein gültiger Segen. Die Kraft eines vollmächtig erteilten Segens ist unabhängig vom großen oder kleinen Glauben des Empfängers. Seine Kraft beruht allein auf der allmächtigen Kraft des Hl. Geistes.

So richtig glücklich wird Jakob mit dem ergaunerten Segen aber nicht. Sein betrogener Bruder trägt sich mit Mordgedanken. Die Familie bricht auseinander. Jakob muß den Schutz der Sippe verlassen und eine weite und gefährliche Reise antreten. Und damit die Form gewahrt bleibt, wird Jakob nicht auf die Flucht, sondern auf Brautschau geschickt:

Isaak rief seinen Sohn Jakob und segnete ihn und gebot ihm und sprach zu ihm: Nimm dir nicht eine Frau von den Töchtern Kanaans, sondern mach dich auf und zieh nach Mesopotamien zum Hause Betuëls, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir dort eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter. ... So entließ Isaak den Jakob, daß er nach Mesopotamien zog zu Laban, dem Sohn des Aramäers Betuël, dem Bruder Rebekkas, Jakobs und Esaus Mutter.

Es war ein weiter Weg, der Weg, den Jakob ging. Über 1000 km zu Fuß. Und er war gefährlich der Weg, sehr gefährlich. Reisebüros gab es damals nicht und Polizei auch nicht. Keine Landstraßen oder gar Autobahnen, keine Zugverbindungen oder Flugplätze. Keine Hotels, Gaststätten oder Jugendherbergen. Brücken, Krankenhäuser, Reiseshops? Fehlanzeige! Wer damals auf Reisen ging, machte vorher sein Testament.

Was geschah auf dem gefährlichen Wege? Wir hören:

Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel.

Beth-El heißt auf Deutsch: „Haus Gottes“. Wir feiern heute den ersten Gottesdienst in unserer kleinen Kapelle. Es ist ein kleines „Gottes-Haus“ für eine kleine Gemeinde, aber großer Schritt für uns.

Das alles begann vor sechs Jahren übrigens auch mit einem Segen. Es begann mit einem Segen, der nach Cottbus kam. Es begann mit einem Segen, der nicht erschlichen wurde, aber zurückgewiesen von vielen, für die er bestimmt war. Obgleich Gott darüber unendlich traurig war, nahm Er Seinen vollmächtig erteilten Segen dennoch nicht zurück. Und was vor sechs Jahren zaghaft begann, ist durch die Gnade Gottes und den hochherzig-selbstlosen Einsatz vieler ein gutes Stück vorangekommen. Die Gaben aller wurden eingebracht! Schaut um euch und seht, was Gottes Segen in unseren Tagen tun kann.

Auch wir haben nun ein Bethel, ein Gotteshaus. Auch wir können jetzt sagen: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte. ... Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

„Pforte des Himmels“? „Haus Gottes“? Wird wer ernsthaft behaupten, daß Gott in Cottbus die Wohnanschrift „Schillerstraße 15“ hat? Ist eine solche Vorstellung, daß hier „Pforte des Himmels“ und „Gottes Haus“ denn nicht alttestamentlich? Ist das im Neuen Bund nicht abgetan? 

Aber was heißt hier alttestamentlich! Betet nicht schon Salomon im AT bei der Einweihung des Tempels: „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“[1] Ist es nicht sogar ein Rückfall ins finsterste Heidentum, anzunehmen, daß man Gott an manchen Orten um so gewisser finden kann, weil Er dort Sein “Haus“ hat?

Jesus Christus, der es schließlich besser wissen muß als alle theologischen Besserwisser und Bedenkenträger zusammen, bestätigt jedenfalls, daß mit der Gegenwart des allgegenwärtigen Gottes an einigen Orten besonders gerechnet werden darf: „Wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.“[2] Im Tempel wohnte damals nicht der Hohepriester oder die Tempelpolizei. Nein! Jesus geht wie selbstverständlich davon aus, daß Gott Tempel wohnt. Darum nennt Er den Tempel auch „Haus meines Vaters“. „Wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.“ Wir haben es im heute verkündigten Evangelium gehört. Es ist darum „Evangelium“, d.h. frohe Botschaft, weil Gott ja eigentlich der ganz andere und unnahbare ist. Aber so sehr läßt sich unser Gott zu uns herab, daß Er uns Menschen einen Ort gibt, wo sie ihn sozusagen garantiert finden können.

Aber: Ist das wirklich so einfach? Der Tempel steht doch seit 1932 Jahren nicht mehr in Jerusalem! Sind nun etwa die christlichen Kirchen, Kapellen und Gebetsstätten an seine Stelle getreten? Wir fragen: Was sagt das NT sonst noch über das „Haus Gottes“?

Tatsächlich finden wir im NT sehr viel dazu. Und wenn wir die Gesamtschau dieser Dinge haben, werden wir verstehen, warum und inwieweit in der Schillerstraße 15 das Haus Gottes ist. Das NT lehrt über diese Dinge:

„Haus Gottes“ ist:

  1. Jesus Christus, denn "In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig."[3]Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. ... Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.[4]
    „Haus Gottes“ ist
  2. die christliche Kirche, denn sie ist der Leib des Christus. Darum heißt es im NT: "Das Haus Gottes, das die Kirche des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit."[5] Währe die christliche Kirche nicht „Haus Gottes“ im wirklichen und eigentlichen Sinn, dann hätte Paulus auch nicht die Glieder der Kirche, die Christen, als „Hausgenossen Gottes“ ansprechen können: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,  auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.[6] Und Petrus fordert die Christen auf: „Laßt euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus.“[7] Im Hebr schließlich wird gesagt: „Christus aber war treu als Sohn über Gottes Haus. Sein Haus sind wir, wenn wir das Vertrauen und den Ruhm der Hoffnung festhalten.[8] Paulus schreibt an die Korinther: „Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: "Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein."[9] Und so kommen wir zur dritten Bedeutung des Hauses Gottes. „Haus Gottes“ ist
  3. der einzelne Christ, denn Paulus betet für die Christen in Ephesus darum daß "Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen[10] Jesus versprach: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.[11] Und Paulus fragt die Korinther: „Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört?[12]

Wenn wir die Gesamtschau dieser Dinge haben, die das NT über das „Haus Gottes“ lehrt, werden wir anfangen zu verstehen, warum und inwieweit in der Schillerstraße 15 das „Haus Gottes“ und die „Pforte des Himmels“ ist. Das Gebäude aus Stein und Mörtel ist es nur darum und insoweit, als sich hier eine christliche Gemeinde versammelt, in deren Mitte der Herr leiblich tritt.

Wir kehren zurück zu unserem Predigttext. Zum Apostel Nathanael sagte unser Herr Jesus Christus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.[13] Jesus spielt hier eindeutig auf die Begebenheit an, von der unser Predigttext berichtet. Die Leiter, die Himmel und Erde verbindet, ist also Er selbst, wahrer Gott und wahrer Mensch. Der Ort, wo diese Leiter den Boden berührt, nannte Jakob Bethel. Das Bethel in unserer Zeit ist dort, wo die „Himmelsleiter“ Jesus Christus Kraft Seines Geistes in unserer Mitte gegenwärtig ist in Wort und Sakrament.

"Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden", versprach Jakob. Und so geschah es auch. Bethel war ein wichtiges Heiligtum des alten Israel. Jerobeam machte dann das Heiligtum von Bethel zu einem Mittelpunkt der Verehrung goldener Stierbilder, die verächtlich als Kälber bezeichnet wurden, damit wurde es zum Königsheiligtum und Reichstempel. Wegen dieses Götzendienstes zerstörte Josia dieses Heiligtum während seiner Reform. Gott ist nicht angewiesen auf "Häuser" und Orte und Menschen. Aber "Häuser" und Orte und Menschen sind angewiesen auf Gott. So wie Gott das alttestamentliche Bethel dem Untergang anheim gab, weil es dem Götzendienst verfiel, kann und wird Gott auch unser "Bethel" preisgeben, sofern wir nicht treu bei Ihm, bei Seinem Wort und Sakrament bleiben. Darum seid nicht stolz und selbstsicher, sondern fürchtet Gott.

Schließen möchte ich mit einem Wort des Reformators Martin Luther: „Der Glaube sagt das so: Ich gehe an einen Ort, wo das Wort gelehrt, das Sakrament gereicht und die Taufe verwaltet wird; und alles, was da vor meinen Augen und an diesem irdischen Ort geschieht, sind himmlische und göttliche Worte und Werke; dieser Ort ist nicht bloß Erde oder Land, sondern ist etwas Erhabeneres und Höheres, nämlich das Reich Gottes und die Pforte zum Himmel. Suche keinen neuen und närrischen Eingang zum Himmel, sondern blicke glaubensvoll auf den Ort, wo das Wort und die Sakramente sind; lenke deinen Schritt dahin, wo das Wort erschallt und die Sakramente verwaltet werden, dahin setze die Aufschrift: PFORTE ZU GOTT. (...) Wo immer auf Erden das Wort samt den Sakramenten lauter und rein gelehrt wird, da ist das Haus Gottes und die Pforte zum Himmel.[14]

Wir aber wollen beten: "Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein; ach wie wird an diesem Orte / meine Seele fröhlich sein! Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht."

Denn in der Tat: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte. ... Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!



[1] 1 Kön 8,27

[2] Mt 21,23

[3] Kol 2,9

[4] Joh 2,19-21

[5] 1 Tim 3,15

[6] Eph 2,19-22

[7] 1 Petr 2,5

[8] Hebr 3,6

[9] 2 Kor 6,16

[10] Eph 3,17

[11] Joh 14,23

[12] 1 Kor 6,19

[13] Joh 1,51

[14] Quelle: Lutherische Kirche in der Welt. Jahrbuch des Martin-Luther-Bundes 43. 1996, Seite 36