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Neuprotestantische Kulturreligion

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Der evangelische Glauben und die neuprotestantische Kulturreligion

Nachfolgend bringen wir einen Auszug aus dem Buch "Die Kirche Jesu Christ" von Bo Giertz.
Bo Giertz war Bischof von Göteborg in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Schwedens. Wenn er auch aus der Sicht der schwedischen evangelischen Kirche schreibt, meinen wir doch, daß seine Ausführungen auch für deutsche Leser von Interesse sind.

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Schon seit dem 18. Jahrhundert sind starke Kräfte in Bewegung gewesen, die die Vergangenheit der Kirche nicht anerkennen wollten und mehr oder minder bewußt eine neue Reformation angestrebt haben.

Die ganze verweltlichte Sinnesart, die ihre Wurzeln in der Aufklärungszeit hat und die allmählich immer stärker das geistige Leben des 19. Jahrhunderts prägte, hatte ja sehr geringe Möglichkeiten, das Urchristentum und die Kirche zu verstehen. Das kulturelle Leben wurde von dem Glauben an den Menschen, an seine Technik, Wissenschaft und Reformen geprägt. Hatte man noch etwas Interesse für die Religion übrig, so war es ganz natürlich, daß der Mensch auch hier in den Mittelpunkt gestellt wurde. Seine inneren Erlebnisse, seine Gefühle und persönlichen Überzeugungen wurden das Wesentliche. Alles was der Individualität Bindungen auferlegen konnte: die Heilige Schrift, die Dogmen, die Sakramente und die kirchliche Ordnung, wurden umgedeutet oder als unwesentlich beiseitegeschoben. Die Reformation konnte von dem neuen Zeitgeist besser gewertet werden, aber das beruhte darauf, daß man sie als ein Glied in der Befreiung des modernen Menschen deutete. Luther huldigte man als dem großen Apostel der Gewissensfreiheit. Und freilich hat Luther gelehrt, daß es nicht ratsam ist, gegen sein Gewissen zu handeln, aber er meinte das erweckte Gewissen, das Gott völlig hingegeben und in seinem Wort felsenfest verankert ist. Die neue Zeit meinte nur das eigene Urteil des „autonomen“ Menschen — und sein Rechtsgefühl. Die Gewissensfreiheit wurde dasselbe wie das Recht für jedermann, nach seiner Fasson selig zu werden. Aus sich selbst, aus dem Herzen sollte der Mensch die Normen für sein Leben und seinen Glauben holen. Aber Jesus sagt: Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist ... (Mark. 7, 21 ff.). Vielleicht ist darum die Welt unter dem hundertjährigen Regiment der selbstherrlichen Menschenvernunft so grausam mißhandelt worden.

Diese Sinneshaltung hatte selbstverständlich ihre Hochburg außerhalb der Kirche, oft führte sie zu ausgeprägter Kirchenfeindlichkeit. Aber mit der Macht des Zeitgeistes erstreckte sie ihre Wirkungen auch weit hinein in das christliche Lager. Viele „Protestanten“ lebten, ohne es selbst zu wissen, in einem Glauben, der sehr wenig mit Luther und seiner Kirche zu tun hatte. Während Luther wußte, daß die Vernunft erblindet und der Wille geknechtet ist, konnte man jetzt zu hören bekommen, daß die Vernunft der rechte Wegweiser und der menschliche Wille eine herrliche Schöpfermacht seien, die in einer ständig steigenden Kurve die Kulturentwicklung aufwärts führten. Für Luther. drehte sich alles um das Versöhnungswerk Christi und die Vergebung der Sünden. Für die neue Zeit drehte sich alles um die Kultur, den Fortschritt und den Menschenwert. Bekam die Religion einen Platz in diesem System, so hatte sie die selbe Stellung wie eine der kulturfördernden Mächte. Man verteidigte sie als einen Faktor, der für die tiefste Harmonie des Menschen und die reichste Entwicklung der Kultur notwendig war. Das war eine verhängnisvolle Verschiebung. Früher war der Christ Gottes Diener gewesen, sein Leibeigener und Knecht, sein Vorkämpfer und Märtyrer, bereit, nur und allein für die Ehre seines Herrn zu dienen und zu streiten, zu leiden und zu sterben. Nun wurde umgekehrt Gott der Diener des Menschen. Es wurde unterstellt, daß er durch die erzieherische Einwirkung der Moral das öffentliche Leben bessern und mit einer erhabenen Lehre von der Unsterblichkeit der Seele dem stolzen Gebäude der Kultur etwas von dem Schimmer der Ewigkeit schenken werde. Für Luther galt es, einen gnädigen Gott zu finden. Für den religiös interessierten Gegenwartsmenschen war es oft genug so, daß Gott für seine Vernunft gerade noch annehmbar war. Früher war das große Fragezeichen an die Stelle des Menschen gesetzt worden, er, seine Gerechtigkeit und Seligkeit wurden infragegestellt. Jetzt wurde das Fragezeichen statt dessen an die Stelle Gottes selbst gesetzt. Der Dreieinige und dreifaltig Heilige mußte hören, daß er so oder so beschaffen sein müsse, wenn er darauf rechnen wolle, in unserer modernen Zeit anerkannt zu werden.

So wurde die Kirche Gottes, Gottes Wort und Sakrament vor das Gericht des Menschen gefordert, um sich zu verantworten. Die Schrift wurde herabgewürdigt. Ihre gebietende Macht verschwand in dem Wirrwarr zeitbedingter Aussagen. Überall im Glaubensbekenntnis machte man Vorbehalte. Die Sakramente konnte man überhaupt nicht verstehen. Sie sprachen viel zu handgreiflich von der Notwendigkeit der Erlösung und von dem Gott, der auf die Erde herniederstieg, um uns zu erlösen, zu erwerben und zu gewinnen, uns verlorene und verdammte Menschen. Eine Reihe anderer Dinge, die von dem urchristlichen Wesenssinn und dessen Überzeugung von der augenfälligen Wirklichkeit des Erlösungswerkes geprägt waren, wurden vorsichtig beseitigt. Man hörte auf, seine Knie in der Kirche zu beugen, man wollte nichts wissen von dem heiligen Zeichen des Kreuzes. Man betete nicht mehr laut das Glaubensbekenntnis. Man machte sich nicht die Unbequemlichkeit, mit den Kindern zum Taufstein im Gotteshaus zu kommen. Man ließ sich nicht gern vor dem Altar Gottes trauen. Sogar der Tote in seinem Sarge mußte sich ganz umkehren. Früher hatte er bei der Beerdigungsfeier mit dem Gesicht nach Osten, nach dem Altar, nach Jerusalem, nach dem Auferstandenen hin gelegen. Nun wurde er den Trauernden zugekehrt, um gleichsam einen letzten Blick auf das liebe Erdenleben zu werfen. Einer der Väter unserer Kirche hat darauf hingewiesen, daß die kleine Änderung symbolisch ist: die Beerdigung hatte ihren Charakter im Bewußtsein der Menschen gewandelt. Einst der jubelnde Aufbruch des Pilgers seinem Herrn entgegen, bereit, wach und in gespannter Erwartung den Tag der Auferstehung ersehnend, war sie zu einem Abschiedsfest, einer Trauerfeier, einem letzten Lebewohl geworden für den, der dahingegangen war — wer weiß, wohin?

In dieser Kirchenkrise — die in mancher Hinsicht schon vor zweihundert Jahren begann  wurde viel von dem Erbe der Kirche vergeudet, für das unsere Reformatoren gekämpft und das sie treu bewahrt hatten. Die alten Kirchenornate, die ihre Herkunft von den Tagen der Apostel herleiteten, verschwanden immer mehr aus dem Gebrauch. Man begann schon im 18. Jahrhundert in wunderlicher Weise den Sinn für Freude und Feierlichkeit des Gottesdienstes zu verlieren. Zum großen Teil beruhte das darauf, daß der Gottesdienst nicht mehr das himmlische Freudenfest war, an dem die Gemeinde ihrem König begegnet, sondern eher ein Stück Volksaufklärung. Auch den Kirchenraum veränderte man gern zu größerer Ähnlichkeit mit einer Aula oder einem Schulsaal. Viele der alten Kirchen machte man dem Erdboden gleich. In neuprotestantischem Eifer überkalkte man die Gemälde, die Laurentius Petri mit väterlicher Hand geschützt hatte. „Die eingefressene Unwissenheit, die alles weiß, verkündet nach wie vor, daß die Reformation und das Luthertum die Kirchen weiß übertünchten“, sagt Nathan Söderblom. „Lieber sollte sie davon Kenntnis nehmen, ein wie großer Prozentsatz unserer alten Kirchengemälde nach der Reformation ausgeführt worden sind. Das weiß Übertünchen geschah vielmehr im Zeichen der Wissenschaft während der Aufklärungszeit.“ Auch die Liturgie wurde überkalkt. So verstümmelt, wie der alte Abendmahlsgottesdienst im 19. Jahrhundert war, ist er weder vorher noch nachher in unserem Lande gewesen.

In dieser Verfallsperiode wurde sogar der Name unseres Glaubens ausgewechselt. Katholisch wollte man ihn natürlich nicht nennen. Man hatte fast vergessen, daß die evangelische Kirche sich jemals katholisch genannt hatte. Im Gegenteil, der Katholizismus wurde für die Aufklärung der Inbegriff alles Zurückgebliebenen und Verdrehten, und das Wort bekam den häßlichen Klang, den es bis auf unsere Tage in den Augen vieler behalten hat. Aber auch das Wort evangelisch vermied man oft. Vielleicht erinnerte es zu sehr an die Vergebung der Sünden und die Versöhnung in Christus, zuviel an die Hilflosigkeit des Menschen und zu wenig an seine Freiheit. So nannte man sich am liebsten Protestant. Protestant bedeutet ja einen, der protestiert, also einen, der seine eigene Meinung haben will, der sich lossagt und sich nicht fügt. In seinem negativen Sinne paßte das Wort in das Zeitalter des Individualismus. Aber es mußte oft genug für etwas einstehen, das völlig unvereinbar mit dem Wesen der Kirche Christi war. Denn die Kirche lehrt den Menschen nicht, seinen eigenen Weg zu gehen oder seine eigene Wahrheit zu finden oder sein Leben nach eigener Vernunft einzurichten, sondern die Kirche verkündet auf Gottes Befehl, daß Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er und niemand anders.

Dieser „Neuprotestantismus“ bezeichnete im Vergleich mit dem Glauben der Reformation nichts Geringeres als eine neue Form des Christentums. Man hat treffend gesagt, daß, wenn die Kluft zwischen Rom und Wittenberg einige Meter betrage, dann der Abstand zwischen dem wirklichen evangelischen Glauben und der neuprotestantischen Kulturreligion ebenso weit sei, wie der Abstand zwischen Sonne und Mond.

Würden die Reformatoren heute den Zustand zu sehen bekommen, wie er tatsächlich in weiten Kreisen innerhalb der protestantischen Welt ist, so würden sie als redliche Männer von wahrhafter Angst um unsere Seelen erfüllt werden. Vielleicht würden sie uns auch in heiligem Zorn den Kopf waschen. Denn dafür haben sie einstmals wahrhaftig nicht gekämpft. Sie wollten das Licht wieder auf den Leuchter setzen, sie wollten, daß das Wort hervorgeholt und rein und klar gepredigt werde. Aber was ist es wert, daß das Wort gepredigt wird, wenn es in leeren Kirchen geschieht? Wozu dient es, wenn es — wenn überhaupt nicht als Gottes Wort gehört wird, sondern als mehr oder weniger gut zusammengestellte Menschengedanken? Sie wollten, daß die Priestermessen ein Ende haben sollten, daß der Kelch wieder den Laien gereicht und daß das Abendmahl wieder wie einst jeden Sonntag gefeiert werden sollte, so daß die römische Unsitte, nur zu Ostern zu kommunizieren, ein Ende hätte. Würden sie den Abendmahlstod so erschreckend zu sehen bekommen haben, wie er in einer schwedischen Gemeinde sein kann, wo vielleicht 95 Prozent der Christen sich selbst exkommuniziert haben und der Rest ein einziges Mal im Jahr zum Abendmahl geht, so würden sie vor Gram geweint und sich in das Mittelalter zurückgewünscht haben.

Wir könnten Punkt für Punkt fortfahren und uns fragen, ob der Zustand jetzt wirklich besser ist als anno 1500. Der sittliche Zustand in breiten Schichten unseres Volkes gibt uns kaum das Recht, uns über die Zuchtlosigkeit in den Klöstern des Mittelalters zu entsetzen. Der betrübliche Verfall des Gebetslebens mahnt uns zur Selbstbesinnung, ehe wir uns über den Rosenkranz erheben. Und die Gerechtigkeit des Glaubens? Was haben wir aus dem Kernstück der Reformation gemacht? Wie viele von uns können sich nur notdürftig den Inhalt dessen erklären, daß der Glaube gerecht macht. Fragt man einen durchschnittlichen „Lutheraner“, was uns von Rom unterscheidet, so antwortet er unzweifelhaft damit, daß er einige rein äußerliche Dinge herbeizieht. Großenteils pflegt er geradezu solche Dinge zu nennen, die für die Reformatoren selbst niemals eine Scheidemauer waren und die im Gegenteil zu dem großen Schatz gemeinsamen christlichen Eigentums gehörten, das erst die Schwarmgeister und Neuprotestanten verloren haben. So bekommt man Beichte, Kreuzeszeichen und Kniebeugen als römische Kennzeichen genannt. Luther würde große Augen gemacht haben. Er beichtete selbst jede oder jede zweite Woche. Das Kreuzeszeichen hat er als einen selbstverständlichen Teil des täglichen Morgen- und Abendgebetes in seinen Kleinen Katechismus aufgenommen. Und während des Gebets sowohl zu Hause wie in der Kirche auf die Knie zu fallen, betrachtete er als etwas so Selbstverständliches, daß es ihm sehr schwer gefallen wäre, sich mit einer modernen Kirchenbank ohne Kniebrett auszusöhnen.

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