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"Kennen Sie den Pfarrer Wolferinus?"

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Aus dem Brüdern-Rundbrief Nr. 10/1994

Wenn Sie jemand fragen würde: "Kennen Sie den Pfarrer Wolferinus?" werden Sie gewiß mit "Nein!" antworten. Denn Sie können ihn ja auch gar nicht kennen: Er ist nämlich schon mehr als 400 Jahre tot. Dennoch sind Sie ihm aber bestimmt schon begegnet, jedenfalls in seinen Meinungen und Überzeugungen. Diese leben offensichtlich unausrottbar weiter. Die meisten, die diese heute weitertragen, meinen sogar, sie verträten damit Luthers Position, obwohl es doch nur die Meinung des Pfarrers Wolferinus ist. Beim Lesen der nachfolgenden Ausführungen fallen Ihnen vielleicht von allein Namen solcher Leute ein. Am Ende werde ich Ihnen deshalb die Frage "Kennen Sie den Pfarrer Wolferinus?" noch einmal stellen.
Worum handelt es sich? Wolferinus war Pfarrer in Luthers Geburts- (und späterem Sterbe-) Ort Eisleben. Daß der Reformator gerade von dort einige abwegige Überzeugungen eines Pfarrers hören mußte, war ihm besonders schmerzlich. Wolferinus hatte nämlich die Meinung vertreten: "Das Sakrament ist nur Sakrament im Akt des Vollzuges". Deshalb - so folgerte er - brauche man sich nicht darum zu kümmern, ob nach der Abendmahlsfeier noch etwas von dem gesegneten Brot und Wein übrig bleibt. Im Gegenteil: Er meinte, es sei "Schwärmerei", "Gehässigkeit" und "unnatürliche Unwissenheit", zu meinen, wenn konsekriertes Brot und konsekrierter Wein nach vollendeter Abendmahlsfeier übrigbleibe, sei dies noch Sakrament. Im Gegenteil: Das übriggebliebene sei nur Brot und Wein, als sei es nie vom Segenswort Christi getroffen. Luther war darüber entsetzt und hat in zwei Briefen darauf mit heftigen Worten geantwortet. Er hielt Wolferinus vor:
"Woher hast du diesen deinen besonderen Frevel, indem du dich nicht enthältst von solchem bösen Schein? Du hättest wissen sollen, daß es ein Ärgernis ist, wenn du den übrigen Wein und Brot (wie du es nennst) mit dem vorigen Wein und Brot vermengst. Wessen Beispiel folgst du damit? Du siehst wahrhaftig nicht, was für gefährliche Fragen du aufwirfst, wenn du in deinem überschwenglichen Verstande erstreiten willst, daß, wenn die Austeilung, das Geben und Nehmen aufhöre, auch das Sakrament aufhöre. Willst du etwa, daß man dich für einen Zwinglianer halten soll? Ich wollte bald glauben, du liegst schon krank darnieder an solcher zwinglianischen Unsinnigkeit"
Als der Pfarrer Wolferinus sich daraufhin rechtfertigen wollte, weil er sich mit seiner Meinung doch auf einen gelehrten Professor der Theologie berufen konnte, schrieb Luther ihm noch einen zweiten, noch deutlicheren Brief. Darin heißt es:
"Ihr werdet damit erreichen, das ihr dafür angesehen werdet, als habet ihr überhaupt kein Sakrament mehr. Denn wenn solch eine Verkürzung des Sakramentes bestehen sollte, würde daraus folgen müssen, daß nach dem gesprochenen oder gesungenen Worten (= der Konsekration), der vornehmsten, und vollmächtigsten Handlung im Sakrament, niemand Leib und Blut Christi wird empfangen können, das ... würde ... unzählige Bekümmernisse der Gewissen und unendliche Fragen heraufbeschwören, ..." 
Damit hat Luther den Schwachpunkt in den Anschauungen des Pfarrers Wolferinus aufgedeckt. Als dieser nämlich beteuerte "Das Sakrament ist Sakrament im Akt des Vollzuges" hatte er ganz vergessen (oder bewußt unterschlagen?), daß ein wesentlicher Teil der von Christus mit den Worten "Tut dies zu Meinem Gedächtnis" eingesetzten Abendmahlshandlung das Sprechen der Worte ist, die der HErr dabei selbst sprach. Der Pfarrer spricht oder singt sie bei der Abendmahlsfeier an Christi Statt. Er tut dies in Christi Namen. Die Einsetzungsworte bleiben auch im Munde des Pfarrers Christi eigene schöpferischen Worte. Sie haben die wirkende Kraft, wie Luther immer wieder betont hat. Einmal nannte er sie darum "die göttlichen, allmächtigen, himmlischen, heiligen Worte, die Christus im Abendmahl mit seinem heiligen Munde selbst sprach und zu sprechen befahl". Diese Worte bewirken, daß Brot und Wein nun Leib und Blut Christi sind. Man darf also die Bedeutung dieser Worte nicht nur in ihrem (freilich auch sehr wichtigen) Verkündigungscharakter sehen.
Folgerichtig und selbstverständlich ist daher, daß gesegnetes Brot und gesegneter Wein stets von Ungesegnetem genau zu unterscheiden ist. Luther hat darum u.a. ausdrücklich angeordnet, nur soviel Brot und Wein zu konsekrieren, wie in der jeweiligen Abendmahlsfeier benötigt wird und etwa übrigbleibendes innerhalb der Abendmahlsfeier zu verzehren. Der Reformator wollte, daß in dieser Hinsicht bei der Abendmahlsfeier mit größter Sorgfalt verfahren wird, und es ist unverkennbar, daß es ihm dabei um das Herzstück des Abendmahlsglaubens ging: Die Realpräsenz, d.h. die wirkliche und wahrhafte Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Brot und Wein des Heiligen Abendmahles, durch die Christus seine Gnade schenkt. 
Solche Sorgfalt ist natürlich nicht nötig, wenn jemand sagt: "Das Sakrament sei nur Sakrament im Akt des Vollzuges". Wolferinus und seine Meinungsgenossen waren allerdings (ebenso wie heutige Vertreter solcher Überzeugungen) bereit, zuzugestehen, daß man das vom Heiligen Abendmahl übrigbleibende nicht einfach achtlos wegschütten solle. Aber dieses "Zugeständnis" hatte seinen Grund nicht etwa darin, daß sie das Konsekrierte als Christi Leib und Blut ansahen, sondern nur in einer gewissen "Pietät" und darin, daß es so viele Unverständige gebe, die an einem achtlosen Umgang mit dem Allerheiligsten Anstoß nehmen könnten. 
Mit welcher Ehrfurcht - ausgehend vom Realpräsenzglauben aber mit dem Sakrament umzugehen ist, dafür gibt es jedenfalls aus der lutherischen Kirche vielerlei Zeugnisse, auf die hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden kann. Man kann jedenfalls sagen, daß das Moment der Ehrfurcht durchaus theologisch begründet ist, denn es ist ein Akt der Frömmigkeit gegenüber dem, was Christus gesegnet hat. (Heute wird von manchen die Meinung vertreten, eine solche Ehrfurcht sei theologisch nicht zu begründen.) 
Im Bekenntnis der lutherischen Kirche (Konkordienbuch) ist dieser Abendmahlsglaube Luthers klar bewahrt. Dort heißt es:
"daß die wahre Gegenwärtigkeit des Leibes; und Blutes Christi im Abendmahl allein des allmächtigen Gottes Kraft und unseres Herrn Jesu Christi Wort, Einsetzung und Ordnung zugeschrieben werden." 
Es wird betont, daß das Wort Christi nicht nur im ersten Abendmahl schöpferisch gewesen ist, sondern überall in gleicher Weise bewirkend ist, wo das Abendmahl
"nach Christi Einsetzung gehalten wird und seine Worte gebraucht werden. ... Die Worte werden durch des Priesters Mund gesprochen, aber durch Gottes Kraft und Gnade, durch das Wort, da Er spricht: "Das ist mein Leib", werden die fürgestellten Element im Abendmahl gesegnet..." 
Der Pfarrer Wolferinus, der dies vergaß, ist freilich kein Einzelfall. Es mehrte sich schon zu Luthers Lebzeiten die Zahl derer, die sagten "Das Sakrament ist nur Sakrament im Akt des Vollzuges". Solche Leute konnten darum den Gemeindegliedern keine klare Auskunft mehr darüber geben, was sie denn eigentlich aus der Hand des Pfarrers empfangen, wenn sie bei dem im Namen Jesu Christi gefeierten Heiligen Abendmahl zum Altar kommen. In Frankfurt am Main gab es zum Beispiel solche Pfarrer. Sie drückten sich ihren Gemeindegliedern gegenüber um eine klare Aussage herum und antworteten nur mit der alles verschleiernden Antwort: Es sei der Leib, "den Christus meint". Dazu hat Luther mit seiner bekannten drastischen Sprache Stellung genommen, indem er denen, die so redeten, vorwarf, sie redeten wie jemand, der den Mund voller Brei hat und nur noch "Mumm-Mumm" sagen kann, ja, die dahinterstehende Haltung bezeichnete er als heuchlerische Gaukelei und betrügerisches Hütchenspiel: "Denn es sind wohl an vielen Orten (wie es mich tröstet) Leute, die fortan ebenso lehren wie wir, andere aber ... drehen ihre Worte anders, behalten aber gleichwohl ihre vorige, falsche Meinung im Sinn und Gebrauch, sagen mit dem Munde, es sei Christus Leib und Blut wahrhaftig gegenwärtig im Sakrament. Wenn nun solches der einfältige Mann hört, so geht er darauf hin zum Sakrament, empfängt aber doch nur Brot und Wein. Denn ihre Lehrer geben auch nichts mehr und meinen auch nichts mehr. ... Ihre heimliche Überzeugung ist, daß der wahrhaftige Leib und Blut Christi doch nur geistlich und nicht leiblich im Sakrament gegenwärtig sei, und werde allein im Herzen mit dem Glauben empfangen und nicht leiblich mit dem Munde ... Siehe, wird da nicht ein teuflisches Gaukelspiel mit den Worten Christi getrieben, und die einfältigen Herzen so schändlich um ihr Sakrament betrogen und beraubt?" 
Darum gibt Luther den darüber unsicher gewordenen Gemeindegliedern den Rat, ihren Pfarrer hierüber um eine klare Antwort zu bitten:
"... So gehe oder sende frei zu ihm und laß dir deutlich heraus sagen, was das sei, was er dir mit seinen Händen reicht und du mit deinem Munde empfängst, laß auf diesmal außer acht, was man im Herzen glaube oder nicht glaube, sondern frage schlicht, was Hand und Mund hier fasset. ..." 
Daß die Gemeindeglieder ihren Pfarrer so befragen sollen, begründet Luther so: 
"... Hier gilt es, nicht den Brei im Maul zu wälzen und Mum-Mum zu sagen, Man muß die Leute nicht lehren: Glaube den Leib, den Christus meinet, sondern ... sie sollen das Mummen lassen, frei und dürr heraus sagen, ob man mit dem Munde eitel Brot und Wein empfange, ... Hier soll man den Gemeindegliedern sagen, was Brot und Wein sei im Sakrament, und ihnen nicht etwas im Sacke verkaufen. Denn es gilt hier nicht, so unter dem Hütlein zu spielen und im Finsteren zu mausen." 
Man spürt es diesen Worten ab, wie sehr Luther selbst im Bekenntnis zum wahren Leib und Blut Jesu Christi im Brot und Wein des Altarsakramentes lebte und mit wieviel seelsorgerischem Ernst er sich darum mühte, dem einzelnen Christen die Gewißheit der Gnade und Vergebung, die uns dadurch geschenkt wird, zu vermitteln und erhalten. Eine solche ernste seelsorgerliche Bemühung steht auch hinter Luthers Bekenntnis zur Elevation, jenem uralten Brauch, Leib und Blut Christi beim Heiligen Abendmahl nach den Segensworten Christi feierlich emporzuheben. Obwohl auch Luther zeitweise meinte, er sei ein Ausdruck der spätmittelalterlichen Meßopfertheologie, die von ihm von Anfang an abgelehnt und bekämpft wurde, sah er ihn in einer anderen Deutung. Die Elevation hatte für ihn nun Verkündigungscharakter: Denn durch das Emporheben der Hostie und des Kelches bringt der Pfarrer nach der Konsekration zum Ausdruck: Dies ist der Leib und Blut Christi, für euch gegeben und vergossen!) 
Aber Leute wie der Pfarrer Wolferinus nahmen an der Elevation Anstoß und verlangten ihre Abschaffung. Denn sie lehnten Luthers Realpräsenzglauben überhaupt ab. Deshalb wurde die von ihnen geforderte Abschaffung der Elevation in der Öffentlichkeit als ein Abrücken vom Realpräsenzglauben gedeutet. Mit Leidenschaft hat Luther widersprochen, als auch ihm so etwas unterstellt wurde, als nämlich in der Wittenberger Stadtkirche die Elevation nicht gehalten wurde. Luther antwortete darauf:
"... ehe ich in meinem Gewissen annehmen oder es auf mich laden wollte, daß ich darum die Elevation unterlassen müßte, so daß ich mich dadurch als einen Christmörder, Kreuziger, Henker achten sollte, wollte ich noch heutigen Tages die Elevation nicht allein beibehalten, sondern, wo es an einer nicht genug wäre, drei, sieben, zehn Elevationen anrichten helfen." 
Und nun noch einmal die Frage vom Anfang: "Kennen Sie den Pfarrer Wolferinus?" Wenn Sie bis hierher aufmerksam gelesen haben und nun so gefragt werden, werden Sie gewiß nicht mehr mit einem "Nein!" antworten. Denn es gibt auch heute - sogar unter Bischöfen und Professoren - manch einen, der zwar nicht Wolferinus heißt, aber genauso denkt wie er. 
Der Name Wolferinus heißt auf deutsch "Wölflein" oder "kleiner Wolf". Er erinnert zugleich an das Wort JEsu von den Wölfen im Schafspelz. Vor ihnen warnt der HErr Seine Herde. Sie sehen von außen so harmlos aus in ihrem Schafspelz und sind doch genauso gefährlich wie Wölfe nun einmal sind. Nicht nur die kleinen, auch die großen Wölfe im Schafspelz - wie zum Beispiel Johannes Calvin - sind bis heute der Überzeugung, sie hätten Luther viel besser verstanden als Luther sich selbst verstand. Nur irren sie sich darin, denn auf Luther und die Bekenntnisschriften können sie sich nicht berufen, - erst recht nicht auf das Wort Jesu Christi.

Pfr. Jürgen Diestelmann, Braunschweig

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