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Katholisch? Katholisch!

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Nachfolgend bringen wir einen Auszug aus dem Buch "Die Kirche Jesu Christi" von Bo Giertz. Er war Bischof der Schwedischen Lutherischen Kirche.
Bo Giertz behandelt im folgenden Abschnitt einen Teil des
Großen Glaubensbekenntnisses, in dem es heißt: "Credo ... unam, sanctam, catholicam et apostolicam ecclesiam", d. h.: "Ich glaube ... eine, heilige, katholische und apostolische Kirche." Das lateinische Wort "catholicam" wird in evangelischen Übersetzungen gewöhnlich mit "christliche" oder "allgemeine" wiedergegeben.

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Es gibt wohl wenig Worte im (Glaubens-)Bekenntnis, über die so selten gepredigt wird, wie das Wort „christlich“ im Sinne von „allgemein“. Für viele Kirchenbesucher bleibt es inhaltlos und tot. Der eine, der ein Herz für die Mission hat, sieht dahinter vielleicht einen Schimmer von strohgedeckten kleinen Missionskirchen in tropischer Sonnenglut. Der andere, der sich in der Welt hat umsehen können, hört hier vielleicht das Echo von Glocken eines südländischen Campanile oder den Gesang in einer englischen Kathedrale. In solchem Falle haben sie beide einen Schimmer seiner Bedeutung erhascht – aber nur einen Schimmer.

Daß die Kirche allgemein christlich ist, bedeutet, daß sie katholisch ist. Das ist Wortlaut und Sinn des Urtextes: die Kirche Christi ist katholisch.

Mancher schrickt vielleicht vor dieser Tatsache zurück. Katholisch hat in unseren Augen allmählich fast die gleiche Bedeutung wie römisch bekommen. Mit „Katholiken“ meinen wir in der Umgangssprache römische Katholiken. Das ist ein schicksalsschwerer Mißbrauch von Worten, den wir je eher, desto besser vermeiden sollten.

Die christliche Kirche ist ihrem Wesen nach katholisch und hat immer Anspruch darauf gemacht, es zu sein. Das Wort kommt von Anfang des 2. Jahrhunderts an vor, die Sache ist neutestamentlich. In allen drei Bekenntnissen, die die alte Kirche uns als Erbe hinterlassen hat, nennt sie sich katholisch. Das alte Wort steht noch heute in den Bekenntnissen nicht nur der römischen, sondern auch der griechischen und der englischen Kirche, und sie erheben beide mit Nachdruck Anspruch darauf, katholisch zu sein. In unserem Glaubensbekenntnis haben wir das griechische „katholisch“ mit „christlich“ wiederzugeben versucht. Aber Inhalt und Sinn wollen wir nicht verlieren. Auch unsere Kirche bezeugt ... in ihren eigenen Bekenntnisschriften ihren Willen, katholisch zu sein. Es ist ganz natürlich, daß sie das tun muß. Sie hätte sonst von dem Glauben abfallen müssen, zu dem seit alters alle Christen auf der ganzen Erde sich einmütig bekannt haben. ... Es heißt also, den Sinn ganz und gar mißverstehen und verdrehen, wenn jemand hier zwischen „katholisch“ und „römisch“ Gleichheitsstriche setzt. So können wir vielleicht wagen, aufs neue wagen, den echt christlichen und unendlich inhaltsreichen katholischen Gedanken wieder aufzunehmen, ohne die Beschuldigung fürchten zu müssen, daß wir die Geschäfte des Papstes besorgen.

* * *

Ungefähr um das Jahr 100 unserer Zeitrechnung stand der Gemeinde zu Antiochia ein bedeutender Bischof mit Namen Ignatius vor. Er wäre wohl, wie so viele andere Helden und Märtyrer der alten Kirche, in der Nacht des Vergessens oder im Halbdunkel der Legende verschwunden, wenn nicht seine Henker ihn nach Rom geführt hätten, um ihn den wilden Tieren in der Arena zur Belustigung des Großstadtpöbels vorzuwerfen. Der Gefangenentransport ging langsam, und auf dem Wege durch Kleinasien erhielt Ignatius Gelegenheit, mit Vertretern anderer Gemeinden zusammenzutreffen. Überall griff er mit Rat und Ermahnungen ein. Aus dieser seiner Tätigkeit sind uns sieben Briefe voll väterlicher Güte, voll glühender Sehnsucht nach dem Martyrium und voll nie versiegenden seelsorgerlichen Eifers überliefert. Diese sieben Briefe, die also irgendwann um das Jahr 110 geschrieben wurden, sind etwas von dem Lebendigsten und Fesselndsten, das uns von der Generation unmittelbar nach den Aposteln erhalten geblieben ist.

In einem dieser Briefe tauchen die Worte „die katholische Kirche“ zum ersten Male auf, ganz unvermittelt und ohne Erklärungen, was beweist, daß der Ausdruck schon damals verbreitet war und eine Sache bezeichnete, die alle kannten.

Der Zusammenhang gibt zu denken. Ignatius spricht hier wie so oft von der Bedeutung der Ämter der Kirche. Er schreibt:

„Seid alle eurem Bischof gehorsam, so wie Jesus Christus dem Vater gehorsam war, und dem Presbyterium so wie gegenüber dem Apostel ... Niemand möge in kirchlichen Angelegenheiten etwas unternehmen ohne den Bischof. Nur diejenige Feier des Abendmahls möge als richtig angesehen werden, die unter Leitung des Bischofs geschieht oder unter dem, den er dazu verordnet. Wo der Bischof sich zeigt, da möge auch die Menge sein, gleichwie die katholische Kirche überall dort ist, wo Jesus Christus ist.

Der Ausdruck ist überraschend. Aber es liegt eine einheitliche und durchdachte Anschauung dahinter. Die Kirche ist dort, wo Christus ist. Gleichwie der Bischof die Gemeinde mit all ihrem wechselnden Stand und ihren Personen vertritt, so beschließt Christus in sich alles, was die Kirche an wechselnden Gaben besitzt. Überall da, wo Christus eine Gemeinde errichtet, gibt es darum den ganzen Reichtum vom Wesen der Kirche, da Er selber dort ist. Das katholische Wesen der Kirche hängt mit ihrer Christusgemeinschaft zusammen. 

Katholisch bedeutet: „allgemein“, „umfassend“, „was sich über das Ganze erstreckt“ oder vielleicht besser „was die Ganzheit in sich beschließt“. 

Welche Ganzheit? Die Schrift gibt die Antwort: Denn es hat Gott wohlgefallen, daß in Ihm alle Fülle wohnen sollte (Kol. 1,19). Alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Kirche (Gemeinde) zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt (Eph. 1, 22 ff.). In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm (Kol. 2, 9 f.). 

Weil die Kirche Christi Leib ist, nimmt sie auch an dem Reichtum Seiner Fülle teil. Das ist die „Ganzheit“, die Fülle und Vollkommenheit, die sie umschließt. Darum ist sie ihrem Wesen nach katholisch. 

Nun war es auch Gottes ewiger Ratschluß, daß am Ende der Zeiten „alles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist“ (Eph. 1,10). Darum muß auch die Kirche, die das Werkzeug für diese allumfassende Erlösung ist, sich über alle Völker und alle Zeiten erstrecken und allumfassend, katholisch werden. Einer der größten Lehrer der alten Kirche, Cyrill von Jerusalem, faßt in seiner Katechese den katholischen Gedanken in folgenden Worten zusammen: Katholisch wird die Kirche genannt,

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weil sie über die ganze Erde ausgebreitet ist von einem Ende der Welt bis zum andern,

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und darum, weil sie allumfassend (katholisch) und ununterbrochen alle Lehrsätze verkündet, die die Menschen wissen müssen;

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weiter deshalb, weil sie alle Arten von Menschen, Fürsten und Untertanen, Gelehrte und Ungebildete rechter Gottesfurcht unterwirft;

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schließlich, weil sie  allgemein alle Arten der Sünden, die Seele und Leib durchdringen, ärztlich behandelt und heilt,

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und ebenso alle Arten von Tugenden besitzt, mit welchem Namen sie auch genannt werden mögen in Worten oder Werken, und alle Arten geistlicher Gaben. 

Wir sehen sofort, daß die Begriffsbestimmung des Cyrill fünf Punkte umfaßt:

1. „Katholisch“ bedeutet weltumfassend. Die Kirche umfaßt alle Meere und Kontinente. Sie trägt das Kreuz bis zu den fernsten Inseln Ozeaniens und hinauf auf die Hochebenen im Herzen Asiens. Rastlos erweitert sie ihre Grenzen, vom Befehl ihres Herrn getrieben (Matth. 28, 19; Apg. 1, 8). Es ist ein Verstoß gegen den katholischen Geist, gegen die Sache der Mission, lau zu sein. Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Tim. 2,4). Die Kirche hat ihre Aufgabe nicht erfüllt und ihr katholisches Wesen nicht verwirklicht bis auf den Tag, da alle Knie sich in Jesu Namen beugen (Phil. 2, 9 ff.). 

* * *

2. „Katholisch“ bedeutet auch: Besitzer der ganzen erlösenden Wahrheit. Zur Fülle des Erlösers gehört auch, daß er die Wahrheit ist, die erlösende und machterfüllende Wahrheit, die allein dem Leben Sinn zu geben vermag, die die Menschen aus Verblendung und Lügen reißt und sie mit Gottes ewiger Wirklichkeit in Verbindung bringt. Diese Wahrheit wird nun auch der Kirche zuteil. Wir haben schon vorhin gehört, daß sie „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3,15) genannt wird. Sie besitzt diese Wahrheit im Wort (Joh. 17, 17), der lebendigen mündlichen oder schriftlichen Botschaft vom Erlöser. Sie ist ihr ein für allemal (Jud. 3) gegeben, unveränderlich und unerschütterlich und zugleich so unerschöpflich reich, daß kein Mensch und keine Epoche mit dieser „unaussprechlichen Gabe“ (2. Kor. 9,15) ganz fertig wird. Jede Generation darf aufs neue aus ihrem Überfluß schöpfen. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft“ (Eph. 3,18 ff.).

Auch wenn ein Christ an einem einzigen Punkte seine ganze Liebe und sein ganzes Fassungsvermögen gesammelt hat, um wenigstens da den Becher der Erlösung bis zum Boden zu leeren, muß er zum Schluß sagen, wie Luther in dem Artikel von der Rechtfertigung des Glaubens sagte: „In meinem Herzen herrscht dieser einzige Artikel, nämlich der Glaube an Christus; und aus diesem, durch diesen und zu diesem fließen Tag und Nacht alle meine theologischen Betrachtungen und kehren dorthin zurück. Und gleichwohl finde ich, daß ich von dieser so hohen, tiefen und umfassenden Weisheit nur einige kraftlose und dürftige Erstlingsgaben und gleichsam Bruchstücke erfaßt habe. 

Aus diesem überfließenden Reichtum kann die Kirche in jeder Generation neue Schätze hervorholen und für jedes Volk neue Seiten betonen – und gleichwohl immer und immer gerade das verkündigen, was jeder für seine Seligkeit wissen muß. In diesem Reichtum liegt auch das Korrektiv gegenüber allen Übertreibungen und Verdrängungen. Hat eine Epoche ihr Interesse auf ein Hauptstück vereinigt, so findet die nächste in neuer Entdeckerfreude immer, daß das Wort noch mehr enthält und daß das Leben der Kirche größere Weiten überspannt. Solange der echt katholische Geist in der Kirche lebt, wird sie ständig durch die Impulse aus ihrer eigenen Vergangenheit erneuert, und sie wird immer und immer wieder vor neue und überraschende Gesichtspunkte in der Botschaft gestellt, die sie schon seit Jahrhunderten verkündigt hat. 

Das ist eine der bittersten Früchte der Spaltung, daß jede Teilkirche und jede Sekte in Versuchung steht, das Stück der Wahrheit hochzuzüchten, das an einem Punkte der Geschichte ihre große Entdeckung bedeutete, und nicht darüber hinaus sehen will. In einer geeinten Kirche kommt jede neue Lebenswoge allen Gliedern des Leibes zugute. Sie wird ein Teil des gemeinsamen katholischen Glaubens. In einer gespaltenen Kirche werden die Ströme der Erneuerung oft an der nächsten Grenzlinie zwischen den Konfessionen aufgehalten. Sie vermögen nicht, die alten Dämme von Mißtrauen und Uneinigkeit zu sprengen. Um alten Grolls willen weigert man sich, etwas sich zu eigen zu machen, das in einem anderen Teil der Christenheit entdeckt, bewahrt oder geliebt wurde. Daher kommt es, daß das Leben in jeder abgespaltenen Teilkirche so leicht stehen bleibt. Was in der ersten Generation eine persönliche Eroberung war, die große Entdeckung einer halbvergessenen Perle unter den Kleinodien des Evangeliums, das wird in der zweiten und dritten gar leicht ein ererbter Lehrsatz, der nicht mehr entzückt oder befreit, sondern der hart und einseitig betrieben wird, weil er nun einmal das besondere Erkennungszeichen geworden ist – und der Stacheldrahtzaun, mit dem man sich gegen alte Widersacher abgrenzt. Wenn die Tragödie weitergeht, kann man durch geistliche Inzucht und schmalspurige Selbstgenügsamkeit so weit kommen, daß man nur noch einige Bruchstücke von den Reichtümern der Kirche übrig hat, die kaum noch für die Seligkeit reichen. 

* * *

3. Katholisch ist die Kirche, weil sie die Mutter aller Rassen und Völker auf Erden ist.
So wie der Seher in der Offenbarung vor Gottes Thron „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen“ (Offb. 7, 9) sah, so vereint die Kirche schon auf Erden eine Schar von Menschen, bunter als irgendein Imperium je unter seinem Zepter vereinigt hat. Schon in dem Bericht über das erste Pfingstfest begegnen uns die Namen von sechzehn Völkern. Heute erklingt die Predigt des Evangeliums in über tausend Sprachen. Die Kirche Christi überbrückt Abgründe von Unterschieden in Traditionen und Kulturen. Menschen, die sonst nicht das Geringste von der gegenseitigen Gedankenwelt verstehen könnten, werden in Anbetung vor dem Kreuz vereint.

In jedem einzelnen Volk offenbart sich in gleicher Weise das katholische Wesen der Kirche. Sie nimmt sich jeder Natur und jedes Temperaments an. In ihrem Reichtum hat sie Verständnis und Gaben für sie alle. Es ist ein Verstoß gegen den katholischen Geist, das Evangelium an eine bestimmte Rassenseele oder an einen bestimmten Menschentyp binden zu wollen. Weder die gefühlvollen noch die kühl zugeknöpften, weder die ästhetisch geprägten, abgeklärten noch die ekstatischen Menschen haben ein Monopolrecht, wenn es gilt, das Leben in der Kirche Christi zu gestalten. Sie wehrt sich entschieden gegen jede Verstümmelung ihres katholischen Reichtums. Sie ist die Mutter und hat Raum und Liebe, die Fülle für alle ihre verschiedenartigen Kinder. 

* * *

4. „Katholisch“ wird die Kirche auch darum genannt, weil sie die alles umschließende Gnade vermittelt, die weit über das höchste Maß der Sünden der Welt hinausreicht.

Gott hat sie in eine gefallene Welt hineingebaut, in der wir an jedem Punkt der Spur eines Willens begegnen, der Aufruhr gegen Gott macht. Mit vollem Recht hat also „die Schrift alles eingeschlossen unter die Sünde“ (Gal. 3, 22), einer Sünde, der niemand entgeht und die jedes wache Gewissen erleben muß.

Wenn Gott seine Kirche ruft, vermag er nur Unwürdige zu rufen. „Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Röm. 3,22 ff.). Aber über uns alle hält die Kirche ihr Dach als ein Schild der Gnade. Über allen Häuptern erstrahlt das Kreuz vorn im Chor. Hier bricht die verlorene Herrlichkeit Gottes sich wieder einen Weg zu den Menschen und gießt ihren Glanz über alle bußfertigen Seelen. In unserer ganzen armen Welt gibt es kein so besudeltes Leben, kein so teuflisches Verbrechen und kein so entehrendes Geheimnis, daß nicht das erbarmende Himmelslicht es auszulöschen vermöchte. Ja, was vielleicht noch größer ist: es gibt keinen so demütigenden Rückfall in unsere Alltagssünden, keinen Charakterfehler, keine eingewurzelte böse Gewohnheit, keinen so offensichtlich hoffnungslosen stillen Kampf, daß er nicht im Schirm der Kirche in Vergebung und ständig neuen Lebensmut gewendet werden kann. Wenn nichts anderes hilft, besitzt sie Gottes Befehl, die Vergebung des Allmächtigen im Wort der Absolution auszuteilen. 

Das ist die katholische, allumfassende Gnadenbotschaft der Kirche – für Sünder. Denn es ist ein Verstoß gegen den katholischen Geist, wenn wir vergessen, daß wir in der Kirche als Sünder einander völlig gleichgestellt sind unter Gottes unverdienter Gnade. Auf dem Boden der Sünde, als Begnadete, können wir einander vor dem Altar die Hand reichen—in Verbundenheit auch mit denen, die noch draußen stehn. „Haben wir einen Vorzug? Gar keinen“ (Röm. 3, 9). 

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5. „Katholisch“ bedeutet schließlich allumfassend, auch wenn sich um die Zurüstung der Menschennatur und die Gaben des Geistes handelt. 

Der Ritter und der Bettelmönch, der Eremit und der christliche Kaiser waren alle Söhne der Kirche. Sie sieht heute in gleicher Weise unter ihren Söhnen Forscher, die völlig in der modernen Wissenschaft aufgehen, und Akademiker auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit. Aber in der gleichen Kirchenbank kann auch ein Sonntagsschulkind sitzen, das noch nicht lesen kann, aber doch das gleiche Vaterunser betet, oder ein alter Gerbereiarbeiter, der niemals einen gelehrten Beweis begriffen, aber gleichwohl ein verwunderlich großes Stück von der Fülle Christi gesehen hat, die über alles Wissen hinausgeht. Alle sind sie in die gleiche katholische Gemeinschaft eingeschlossen. Ihnen allen hat die Kirche etwas Wesentliches zu geben. Sie sind alle aktiv in der großen Bruderschaft der Lobgesänge und Gebete. Alle finden sie in den wechselnden Formen der Liturgie oder in der wortlosen Stille unter dem Kirchengewölbe Ausdruck für ihre Sehnsucht und ihre Freude, ihre Not und ihre Sorgen. Sie haben alle ihre Lieblingschoräle und ihre liebsten Bibelworte. Der eine hat dies, der andere jenes gesehen, aber die Kirche umschließt alles und alle, sie umschließt ihr sich wandelndes Leben von der Wiege bis zum Grabe und zieht alles unter ihre heilige Gewalt. 

Darum besitzt die Kirche auch in ihrer Geschichte eine Fülle von Gestalten und einen leuchtenden Reichtum von Gnadengaben. „In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller“ (1. Kor. 12, 7). Es gibt kein Einzelwesen, das für sich allein den ganzen katholischen Reichtum zu fassen oder sich zu eigen zu machen vermag — jedenfalls nicht in diesem Leben. Ein jeder muß sich damit begnügen, sein Instrument in der großen Sinfonie zu spielen. Der eine scheint eine wichtigere Stimme zu spielen und sich besser als der andere Gehör zu verschaffen. Ungleichheiten muß es geben. Aber die Kirche mahnt uns zu bedenken, daß sie ein Reich vertritt, in dem der Erste der Letzte werden kann. Die Ungleichheit ist Arbeitsteilung, aber nicht Rangordnung. Gott hat es so geordnet, „damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen“ (1. Kor. 12, 25). Es ist ein Verstoß gegen den katholischen Geist, wenn man sich über seine Gnadengabe erhebt, sie für die wichtigste und größte erklärt und sie zu einer Quelle der Spaltung statt für Eintracht und Reichtum werden läßt. Es geschieht immer wieder. Es können verschiedene Dinge sein, die man überbetont: das Pfarramt oder das Zungenreden, Gesundbeten, soziale Tätigkeit oder die Theologie. Das Ergebnis bleibt das gleiche: Sobald man aufhört, nur dienen zu wollen, um stattdessen zu herrschen und seine Prägung allem christlichen Leben aufzudrücken, werden die Gnadengaben zu Trennmauern. Der Segen wird in Schaden vertauscht. Aber das darf nicht weiter geschehen. Die Schrift sagt doch ausdrücklich von diesen Gaben, daß nicht alle sie besitzen können (1. Kor. 12, 27—30). Wir müssen endlich lernen, sie miteinander zu teilen, so daß ein jeder sich und das Seine treu in den Dienst der großen Gemeinschaft stellt, um an seinem Teil zu dem überfließenden Reichtum der Kirche Christi beizutragen. 

* * *

6. Aber noch einen Punkt können wir hinzufügen. Als Cyrill seine Katechese schrieb, konnte das Christentum auf eine reichlich dreihundertjährige Geschichte zurückschauen. Wir blicken heute auf zwei Jahrtausende zurück. Dadurch haben wir noch einen Wesenszug im katholischen Charakter der Kirche sehen gelernt: sie umschließt die Jahrhunderte und umspannt alle Zeiten. Das trägt in besonderer Weise zu ihrem katholischen Reichtum bei. 

Als die Kirche in die Welt trat, besaß sie schon alles in ihrem Erlöser. Sie wußte sich berufen, „für den Glauben zu kämpfen, der ein für allemal den Heiligen überliefert ist“ (Jud. 3). Mit einer Schärfe, die dem Außenstehenden immer unduldsam erscheint, wandte sie sich gegen alle Versuche, etwas hinzuzufügen oder etwas davonzunehmen. „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“ (Gal. 1, 8). Der Apostel wußte, daß es Verrat gegen Gott selbst und Betrug gegen die Menschheit gewesen wäre. 

Aber zugleich ist diese Botschaft eine Saat, ein Keim und ein Senfkorn, das die geheimnisvollen Wuchskräfte des Lebens in sich trägt. Die Botschaft trifft ständig auf neue Verhältnisse und veränderte Zeiten. Besäße die Kirche nur ein mechanisch eingelerntes Evangelium und könnte sie das Vergangene nur reproduzieren und wiederholen, so wäre sie bald tot. Aber sie liest keine antiquarische Weisheit vor. Sie verkündet in der Kraft des Heiligen Geistes aus Christi Fülle. In ihren Adern pulst Christi eigenes Leben. In jeder neuen Generation werden neue Menschen in diese geheimnisvolle Gemeinschaft eingefügt. Sie sind Kinder ihrer Zeit, erfüllt von deren Fragen und Nöten, aber sie sind auch Kinder der Kirche, erfüllt vom Leben des Heiligen Geistes und der Macht des Wortes. Darum können sie die alte Botschaft als das innerste Eigentum ihres eigenen Wesens in der Sprache der Zeit als Antwort auf ständig neue Fragen vortragen. So kann die Kirche ständig neuen Situationen mit einem ständig neugeborenen und frischen Evangelium begegnen — das doch ewig das gleiche ist. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie so eine gewaltige Erfahrung gesammelt, die in Dogma und Theologie niedergelegt, im gottesdienstlichen Leben und Kirchenordnungen ausgeformt ist. Diese gewaltige Summe von seelsorgerlicher Weisheit, von Wissen und praktischen Anwendungen pflegt man Tradition zu nennen. 

Unsere evangelische Einstellung zur Tradition ist die, daß nichts für die Seligkeit nötig ist außer dem, was seinen deutlichen Grund im Evangelium hat. Die Schrift ist die Herrin der Tradition, ihre bestimmende Quelle. Aber gleichzeitig müssen wir als Christen mit Dankbarkeit die Erfahrungen vergangener Geschlechter übernehmen, um unsere eigenen zu bereichern. Die Kirche ist ja Leib Christi, das Organ für seinen Willen. Was starke und geisterfüllte Zeiten geschaffen haben, enthält immer eine Spur vom Werk Christi. Sich zur Tradition bekennen heißt darum, sich zu Christi Werk in der Vergangenheit bekennen. Natürlich finden sich in der Tradition immer Mißgriffe und Sünde untermischt. Schon in der Geschichte wird viel davon durch Gottes Gericht enthüllt: was Menschenwerk war, blieb nicht bestehen. Die Verirrung wurde immer durch gewissenhafte Prüfung an dem Maßstab des Wortes offenbar. Eine Eiche trägt keine Kletten. Ebensowenig kann der Baum der Kirche irgendwelche beliebigen Auswüchse tragen. Er kann wachsen, er kann neue Schößlinge treiben, aber der Saft, der in die neuen Zweige steigt, und die Früchte, die sie tragen, müssen immer ihre Wesensgleichheit und ihre Verwandtschaft mit dem alten Stamme, an dem sie gewachsen sind, aufweisen können. 

In vielen Fällen wird die Tradition entscheidend für unsere Deutung der Bibel. Die Bücher des Neuen Testaments zeugen selbst davon, daß sie für Christen geschrieben sind, für Menschen also, die schon eine grundlegende Unterweisung empfangen haben (Luk. 1,4). Ihnen war vieles wohl bekannt und selbstverständlich, auf das wir vergeblich Antwort in der Bibel suchen. Sie besaßen ganz andere Voraussetzungen, sie zu verstehen. Für uns gibt es ja so unsagbar viel in bezug auf Taufe und Abendmahl, Unterweisung, Amt, Kirchenzucht und Gottesdienste, was wir unsagbar gern wissen möchten, wo aber das Neue Testament schweigt oder uns nur Andeutungen gibt. „Denn der urchristliche Glaube reflektierte nicht über die Kirche und Gnadenmittel, er lebte in ihnen und von ihnen. Wir müssen deshalb nicht an Reflexionen, sondern an Reflexe anknüpfen.“ 

Dieses ganze lebendige und reiche kirchliche Leben vererbte sich natürlich. Man unterwies mit den gleichen Worten und Begriffen in den Lehren der Apostel, die man selbst gelernt hatte. Man feierte das Abendmahl und taufte, man weihte zu einem Amt und sprach von Sünden frei, ganz nach den Richtlinien, die man selbst „empfangen“ hatte (1. Kor. 11, 23; 15, 3; vgl. 2.Tim. 1,13ff.; 3,14ff.). Die Treue gegen die Tradition wurde ständig als eine Christenpflicht eingeschärft (2. Tim. 2, 2; vgl. 1.Tim. 6,20; 1. Kor. 4,17; Gal. 1,8; Kol. 2,7; 2. Petr. 3, 2). 

Aus dieser urchristlichen Tradition haben wir nun Verschiedenes auch außerhalb des Neuen Testaments bewahrt. Die älteste außerbiblische Schrift des Christentums, der sogenannte 1. Clemensbrief, stammt ungefähr aus dem Jahre 95, aus dem Beginn des 2. Jahrhunderts stammt eine ganze Gruppe (die Ignatiusbriefe), denen dann eine Reihe anderer „Apostolischer Väter“ folgt. Kommen wir dann an den Schluß des 2. Jahrhunderts, so finden wir schon drei große Kirchenväter mit einem reichen Schaffen: Irenäus, Tertullian und Clemens Alexandrinus. Der erste war ein kleinasiatischer Grieche, der Bischof von Lyon wurde. Der andere war Afrikaner, in Karthago tätig. Der dritte lebte sein Leben in Ägypten und Palästina. Es ist mit Recht vermerkt worden, daß das ein guter Beweis für die Festigkeit und Reinheit der kirchlichen Tradition sei, daß diese drei, die verschiedenen Sprachen, Rassen und Weltteilen angehörten, doch ein so übereinstimmendes Bild des apostolischen Glaubens und des apostolischen kirchlichen Lebens gaben, wie es sich damals in der Kirche gestaltete. Nichts kann darum natürlicher sein, als daß wir auf die älteste Tradition der Kirche zurückgehen, wenn wir Hilfe für das Verständnis der Bibel brauchen. Bisweilen bekommen wir auch dort keine Antwort. Es gibt schwer verständliche Stellen im Neuen Testament, die für uns vielleicht immer rätselhaft bleiben werden, eben weil uns die altkirchliche Überlieferung hier keine Aufklärung gibt (zum Beispiel 1. Kor. 15, 29). Aber es gibt auch Punkte, an denen wir klare Auskunft bekommen, wie etwa in der Frage der Kindertaufe und der Amtet der Kirche. Wir werden noch näher davon sprechen. Wir stoßen überall in der Kirche auf diesen breiten und mächtigen Strom von Sitten und Gebräuchen, von Gebeten und Hymnen, von Bekenntnis und Glaubenslehre, der in der Urkirche entspringt und alle kommenden Jahrhunderte befruchtet. Wir haben Anlaß, uns darüber zu freuen, daß er noch so mächtig und ungetrübt in unserer eigenen Kirche fließt. Aber wir halten stets an unserem Grundsatz fest: nur das, was in der Schrift begründet ist, ist für unsere Seligkeit notwendig. 

Aber die Kirche lernt nicht nur aus ihren ersten Jahrhunderten. Auch später hat Christus durch seinen Leib gelebt und gewirkt. Die Kirche kann ihre Geschichte niemals als etwas Vergangenes betrachten. Sie ist ja ein Stück des Christuslebens, das uns heute erfüllt. Sie wird zu einer ständig inspirierenden und erneuernden Macht, ganz so, wie wir von mächtigen Strömungen unserer Zeit ergriffen und getragen werden können. Wenn wir aus der Vergangenheit lernen, lernen wir von unseren Vätern und Brüdern in Christus. Die Kirche erhebt uns über die Grenzen der Zeit. Sie stellt die Generationen einander an die Seite. Die Heiligen leben ja, auch sie sind ein Teil vom Leibe Christi. So sind Augustin, Chrysostomos und Luther unsere Zeitgenossen im Heiligen Geist. Wir leben in Gemeinschaft mit Märtyrern und Reformatoren wie mit unseren Vätern. Nicht alles, was sie gesagt und getan haben, war richtig. Darum müssen wir mit einem wachen Gewissen, gebunden an Gottes Wort, auf sie hören. Das Zeugnis der Väter legt uns keine neue Bibel in die Hände. Aber es gibt uns ständig neue Hinweise auf ihren Reichtum, es hilft uns, „die vielen unausgesprochenen Worte im Wort“ zu finden. Sind wir selbst an das Wort gebunden, so können wir Gott persönlich aus der Vergangenheit mächtig reden hören. Wir sehen mit Ergriffenheit die Unendlichkeit seines Wirkens. Wir empfinden unsere eigene Kleinheit als demütigend. Wir entdecken vielleicht die erschreckende Dürftigkeit unserer eigenen Zeit, ihre geistliche Verarmung und Einseitigkeit. Aber wir werden gleichzeitig von einem Gefühl unendlichen Jubels ergriffen. Dieser ganze Reichtum gehört ja uns! Das Vergangene ist nicht vergangen. Es ist jetzt ebenso gegenständlich und wirklich wie an dem Tage, an dem es zum ersten Mal in die Geschichte eintrat. Wir sind selbst dessen teilhaftig, so wahr wir in unlösbarer Verbindung mit der Kirche leben, die diese unerschöpflichen Vorräte an Glauben, Kraft und Opferwillen, an geheiligten Charakteren und brennenden Seelen besitzt. In dieser katholischen Gemeinschaft wird das lähmende Gefühl von Schwäche überwunden. In der Gemeinschaft der sieggekrönten Märtyrer kann man immer weiter arbeiten. 

So spannt die Kirche ihr allumfassendes, einigendes Band durch die Zeiten — auch in die Zukunft. Sie steht bis zu Christi Wiederkehr und schließt in ihren Mutterschoß auch die Geschlechter mit ein, die noch nicht geboren sind. Unser Denken sieht das nur andeutungsweise. Wenn der Tag, den der Vater allein kennt, noch Jahrtausende verziehen sollte, dann wird die Kirche unter Lebensverhältnissen, die uns vollkommen verborgen sind, neue Geschlechter umschließen und andere Kulturen umspannen, um sie zu heiligen und mit der Nähe der Gottheit zu erfüllen. Und das Wunderliche ist, daß diese Unbekannten dann sich selbst in uns wiedererkennen und uns zu den Ihren zählen werden als ihre Väter und Brüder und Zeitgenossen in Christus.

* * *

Damit haben wir unseren Versuch, auszudrücken, was der katholische Gedanke in seinem unsagbaren Reichtum umschließt, beendet. Es ist uns während dieser Zeit immer mehr klar geworden, daß das Wort „allgemein“ kaum zureicht, um seinen Inhalt zu verdeutlichen. Um der Sache selber willen wäre es wünschenswert, daß wir wieder beginnen möchten, das alte Wort katholisch in seiner rechten Bedeutung anzuwenden. ...

Wenn wir uns evangelische Katholiken nennen, können wir uns auch auf die Reformation berufen. Sie wollte nämlich nie auf den katholischen Ehrennamen verzichten. „Alle müssen wir Katholiken sein“, sagt Melanchthon. Er spricht in einem Brief von der Einheit, die in „der Lehre der Kirche Gottes“ besteht, „die sowohl die Gemeinden Schwedens wie die unseren in einem Geist und mit einem Mund gemeinsam mit der katholischen Kirche Christi bekennen“. Wie wir schon gehört haben, spricht Luther ohne Bedenken von seinem katholischen Glauben, und ein anderer der Reformatoren sagt: „Niemals ist von mir etwas gegen die katholische Kirche geschrieben, gesagt oder getan worden. Das sei ferne von mir! Ja, sage ich, eine solche Gottlosigkeit sei ferne von mir!“ 

Die Reformatoren hielten also an dem völlig einstimmigen Bekenntnis der alten Kirche von ihrem katholischen Wesen fest, dem Bekenntnis, das einer der Kirchenväter des 4. Jahrhunderts in einer klangvollen römischen Sentenz formuliert hat: „Christianus mihi nomen est, catholicus cognomen.“ Christ ist mein Name, Katholik mein Beiname. Es besteht kein Anlaß für die reformatorische Kirche, von diesem Bekenntnis abzugehen — soweit sie nicht ihrem eigenen Wesen untreu geworden ist und begonnen hat, sich ihres Ursprungs aus dem Zeitalter der Apostel, Märtyrer und Kirchenväter zu schämen.

* * *

Der katholische Gedanke bedeutet für die einzelne Gemeinde, daß sie an ihrem Ort die Kirche mit all ihren geistlichen Reichtümern vertritt. Was in der Geschichte Jahrtausende umspannt, was auf Erden über alle Meere und Kontinente reicht, ja was in der unsichtbaren Welt die Stufen des Throns von Gottes Herrlichkeit streift, das tritt hier sichtbar und an einem Punkt gesammelt ans Licht. Die Kräfte der zukünftigen Welt sind in jedem kleinen Teil der Kirche wirksam. Vielleicht verwirklichen sie nur ein Bruchstück ihrer Möglichkeiten, und doch besitzt die Kirche Anteil an allem, auch wenn der Zugang verborgen bleibt. Wo Jesus Christus ist, da ist auch die katholische Kirche. Das Wesen der Kirche lebt auch in dem kleinsten ihrer Teile ebensogut, wie ein und dasselbe Blut durch alle Glieder des Leibes strömt. 

Das bedeutet nun nicht, daß die einzelne Gemeinde unabhängig oder „autonom“ in äußerer Hinsicht sein soll. Eher im Gegenteil: sie ist ja mit allen anderen Gemeinden unlösbar verwachsen. Diese organische Einheit wird von selbst eine organisatorische, die Glieder fügen sich willig der Ganzheit ein. Was all die anderen Gemeinden tun, das wird selbstverständliches Gesetz. Diese Regel galt bereits im Urchristentum (1. Kor. 14,34). Ebenso wie die Apostel den leitenden Willen und das für die ganze Christenheit gemeinsame Band darstellten, so wurden später ihre Nachfolger, die Bischöfe, der sichtbare Ausdruck für den Zusammenhalt der Kirche und ihre selbstverständlichen Leiter. 

Für den einzelnen Menschen wiederum bedeutet der katholische Gedanke ein ganzes Lebensprogramm. In die Kirche eingefügt sein heißt, Erbe ihrer unermeßlichen Reichtümer zu sein. Es bedeutet in erster Linie eine Gemeinschaft, die mich aus dem Fürsichsein des Einzelmenschentums erhebt. Nicht einmal die Religion ist weiterhin meine Privatsache. Sie darf nicht mehr eine Frage der Harmonie meiner Seele oder meines Lebensglückes bleiben. Diese Frage ist als gesonderte Frage überhaupt nicht vorhanden, ja ich bin mit den Menschen rings um mich herum unzertrennlich vereint. Sie sind ein Stück des Christus, dem auch ich zugehöre. So muß ich sie lieben wie mich selbst, mich selbst in ihnen sehen und sie in mir. Hier gilt es unsere Erlösung. 

Das bedeutet keinen Kollektivismus und keine Selbstaustilgung. Im Gegenteil, das ist Selbstverwirklichung. Man hat treffend gesagt, daß es zwei Wege gibt, um sich selbst zu verwirklichen: den individualistischen und den katholischen. Der erstere bedeutet ein Sichlosmachen von Gott und dem Nächsten. Der Mensch stellt sich selbst in den Mittelpunkt und wird isoliert. Er macht sich selbständig und verkündet, daß er über das Leben bestimmt, das er als eine Gabe von Gott empfangen hat. 

Der katholische Weg ist entgegengesetzt. Er bedeutet, daß der Mensch dankbar anerkennt, daß er völlig von seinem himmlischen Vater abhängt und unlösbar mit seinen Brüdern auf Erden vereint ist. Er bejaht den Zusammenhang, in den Gott ihn versetzt hat. Er bejaht seine Taufe und die Zusagen des Evangeliums und den Beruf, den Gott ihm auf Erden gibt. Das bedeutet einesteils Zucht und Selbstkontrolle, das bedeutet den Verzicht auf alles, was die volle Gemeinschaft mit dem Erlöser oder mit den Mitmenschen hindert. Aber es bedeutet gleichzeitig eine unerhörte Bereicherung, es bedeutet eine ganze Welt. Es bedeutet, daß sich eine ganze Welt von Schönheit, Kraft und Sinnerfüllung erschließt. Es bedeutet, daß die Seele endlich lebt und wächst, daß sie Raum für ihr ganzes unterdrücktes Bedürfnis nach Hingabe und Heldentum erhält. Sie entwickelt ungeahnte Tiefen von Empfindung und von Willenskraft. All das wird bei der Begegnung mit der katholischen Fülle der Kirche allmählich zum Leben erweckt. Ein ums anderemal glaubt man, daß der Höhepunkt jetzt erreicht ist, daß der Glaube seine Möglichkeiten erschöpft hat. Aber ständig bewahrheitet sich wieder das Wort des Erlösers: du wirst noch Größeres als das sehen (Joh. 1, 50). Der lndividualist kann niemals richtig verstehen, daß man sich selbst verwirklichen und sich selbst in größtem Reichtum ausleben kann, indem man ganz in der Gemeinschaft der Kirche aufgeht. Er hat sogleich den Verdacht, daß es sich um ein verstecktes Heldentum handelt: „Es gibt nun einmal Typen, die so wunderlich sind, daß sie sich in der Zwangsjacke der Kirche wohlfühlen.“ Jesus blickte tiefer und hat den Zusammenhang erklärt: man gewinnt sein Leben, indem man es verliert. Nachdem ich das Leben von Gott empfangen habe, hat es nur einen Sinn, nämlich den, den Gott hineingelegt hat. Solange ich versuche, mich Gott und seinem Plan zu entziehen, um nach meinem eigenen Willen zu leben, kann ich im günstigsten Falle meinem Leben einen Ersatzinhalt geben, der für einige Jahre oder Jahrzehnte reicht. Erst wenn ich das Leben verliere, alle Ansprüche opfere, mich vor Gott beuge und seine absolute Souveränität anerkenne, kann ich den Sinn meines Lebens zu entdecken beginnen. Dann hat das hinsiechende Glied sich wieder der göttlichen Lebensflut geöffnet. Es erfüllt seine Aufgabe wieder an seinem rechten Platz am Leibe. So erfährt es endlich seine Bestimmung, und das Leben bekommt einen Sinn. Dies etwa als einen Zwang zu empfinden, ist so abwegig, daß es im Gegenteil zu allen Zeiten als die wunderbarste Befreiung geschildert worden ist: Befreiung von Schuld und Gewissensunruhe, von Disharmonie und unheilbarer Einsamkeit, Freiwerden zu Arbeitsfreude, Gemeinschaft, Trost und wirklichem Gebetsleben. 

Wohl dürfen die meisten nie mehr als ein Bruchstück des katholischen Reichtums in der Kirche erleben. Aber wenn die Kirche wirklich ihrem Geist nach katholisch, reich und allumfassend ist und nicht sektiererisch, eng und kargend, so verhilft sie gerade dem Tiefsten und Persönlichsten in jedem einzelnen Menschen zur Entfaltung und hilft ihm, Sinn und Bestimmung seines Lebens zu finden. Der einzelne möge selbst demütig bedenken, daß er niemals mehr als einen Teil sieht. Was er sich von dem Erbe der Kirche noch nicht hat zu eigen machen können, braucht nicht wertlos zu sein. Es ist nicht sicher, daß ein Dogma, ein Ritus oder ein Bibelbuch reif ist, abgeschafft oder reformiert zu werden, nur weil ich persönlich es nicht verstehe. Vielleicht urteile ich in einigen Jahren anders. Vielleicht ändere ich selbst mein Urteil nicht – werde aber eine ganz neue Generation mit unverkennbarer Begeisterung bezeugen sehen, daß sie etwas Wesentliches und Befreiendes in dem gefunden hat, das ich nie zu fassen vermochte. 

Dem Einen oder Anderen ist es vergönnt, so viel von dem Reichtum der Jahrhunderte zu erfassen, daß er mit dem Wesen der Kirche eins wird. Derartige katholische Gestalten begegnen uns in der Geschichte nicht so selten. Ihre Stimmen sind über die Jahrhunderte hin zu hören. Wenn sie reden, erklingt etwas Von dem großen Wunder, daß ein armer Einzelmensch von dem pléroma des Erlösers so erfüllt wurde und so ganz mit den Brüdern in der Umwelt verwachsen ist, daß er eine ganze Epoche mit ihren Fragen und Wendepunkten verkörpert und gleichzeitig in seiner Person Christi Antwort an seine leidenden Brüder trägt und so sprechen kann, daß sie Gottes allumfassende Barmherzigkeit und alles wiederaufrichtende Vergebung vernehmen Aber auch wenn der katholische Geist so triumphiert und einen unwürdigen Menschen zu einem Heiligen oder zu einem Vater in Gott für seine ganze Umwelt macht, wird das Persönliche gleichwohl nicht ausgelöscht Es ist bis zur höchsten Kraft gesteigert, die Individualität hat ihre schärfste Herausmeißelung erfahren. Niemand kann behaupten, daß Bernhard von Clairvaux, Franz von Assisi oder Luther ohne persönliche Prägung sind. Sie verkörpern im Gegenteil die höchste Form der Selbstverwirklichung, die die Welt je geschaut hat. Aber sie haben sich im katholischen Sinne selbst verwirklicht Gott hat seine Absicht mit ihnen in dem großen Zusammenhang der Schöpfung verwirklicht.

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