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Buchempfehlung:

Michael Fiedrowicz:

Theologie der Kirchenväter

Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion

Herder: Freiburg im Breisgau; Basel; Wien, 2007.

448 Seiten

ISBN 3-451-29293-9
ISBN 978-3-451-29293-4
 

Aus dem Vorwort:

Welchen Wert könnte aber nun eine möglichst authentische Rekonstruktion des patristischen Theologieverständnisses für die Gegenwart haben? Ist das gewonnene Bild allenfalls historisch interessant, aber keineswegs theologisch relevant? Muss sich das kritische Bewusstsein heutiger Glaubensreflexion nicht gerade von veralteten Denkmustern befreien, die eine solche Blickrichtung in den Dokumenten der Vergangenheit allenthalben zu entdecken vermeint?
...
Demgegenüber bleibt zu erwägen, ob nicht mancher Aspekt der Vätertheologie vielleicht deswegen vorschnell als Ergebnis überholter Denkmuster qualifiziert wird, weil jene Auffassungen der gängigen Plausibilität der Moderne widersprechen und eingefahrene Schemata heutigen Theologisierens in Frage stellen. Insofern besitzt das Glaubensdenken der Kirchenväter durchaus ein kritisches Potential gegenüber Verengungen und Verflachungen des Theologieverständnisses späterer Epochen.

Wenn das jeder großen Tradition innewohnende gegenwartskritische Element also auch der patristischen Theologie zukomme, dann gehört deren Kenntnis mithin zu den "gefährlichen Erinnerungen", die begreifen lassen, wie wenig das augenblicklich Geltende zugleich schon das allein gültige sein muss, wie sehr wiederum das Wissen der Vergangenheit tiefer und reicher als manches heute Erdachte sein kann. Ein Blick auf die Grundlagen patristischer Theologie vermag jener Geschichtsvergessenheit entgegenzuwirken, in deren Folge heutige Wissenschaftspraxis nicht selten nur dem Horizont des eigenen Denkens verhaftet bleibt.

Schon im Jahre 1824 notierte Johann Adam Möhler, keineswegs der unbedeutendste unter den Kennern der Kirchenväter, was deren Theologie späteren Epochen bedeuten könnte: "Es ist immer gut, wenn der Einzelne während der Zeit während der Zeit, die von geistiger Kraft entfremdet ist, das Gefühl dieser Schwäche hat und sich darum hinwendet, wo Kraft war, um sich an dieser zu stärken. Die im Bewußtsein ihrer Unwissenheit schöpfen will dort, wo Schätze der Weisheit gesammelt wurden. ... Wo man aus eigener Kraft nicht weise ist, da besteht die Weisheit darin, die anderer anzunehmen."

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Prof. Dr. theol. habil. Michael Fiedrowicz ist Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Altertums, Patrologie und Christliche Archäologie der Theologischen Fakultät der Universität Trier.

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Leseproben aus dem Buch:

Seite 55f.:
Indem die kirchliche Verkündigung sich auf das apostolische Ursprungszeugnis zurückbezog, bekannte sie sich zum Christus-Mysterium als einem Faktum der Geschichte. Mit der Bejahung und Befragung der Überlieferung bezeugte die Kirche die geschichtliche Fundierung ihres Glaubens im Unterschied zur Gnosis, deren geschichtslose Spekulationen die Gestalt Christi zu einem Mythos werden ließen.
    Gewiß war den kirchlichen Theologen bei ihrer Argumentation mit dem Kriterium der Apostolizität die Komplexität der geschichtlichen Entwicklung der Kirche seit ihren ersten Anfängen kaum bewußt. Immer aber ging es ihnen um die grundlegende Bedeutung des Anfangs. Stetes Anliegen war die Legitimation der aktuellen Verkündigung, die nur durch Kontinuität zu diesem Anfang und durch Identität mit ihm garantiert war. Das einigende Fundament der Kirche war daher das Prinzip der Apostolizität. Das apostolische Prinzip garantierte die bleibende Normativität des Anfangs, der Leben und Botschaft Christi sowie deren Verkündigung durch die Urzeugen umschließt.
    Angesichts des von der modernen Bibelwissenschaft beschworenen Grabens zwischen dem "historischen" Jesus" und dem "kerygmatischen Christus"[1] sowie der postulierten Kluft zwischen dem apostolischen Kerygma[2] und einer weit späteren, anonymen Abfassung der Evangelien stellt diese Überzeugung einer ungebrochenen Überlieferungskontinuität, wie sie für die gesamte patristische Epoche
[3] charakteristisch ist, eine ernstzunehmende Gegenposition dar, deren Herausforderung keineswegs dadurch abgetan werden kann, dass diese nur als Ausdruck eines "vorkritischen Denkens" eingestuft wird. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem von den Kirchenvätern festgehaltenen Gedanken einer grundlegenden Traditionskontinuität könnte sich als "heilsame Korrektiv der westlichen Theologie" erweisen, deren Bibel- und Traditionskritik seit Reformation und Aufklärung vielfach vom Diskontinuitätsgedanken beherrscht wird.

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Seite 66:
Manchen modernen Exegeten nicht unähnlich, die überall spätere Verfremdungen des Ursprünglichen vermuten, mittels einer komplizierten Anatomie des biblischen Wortes hinter dem vielfältig überformten Christus den "wirklichen" Jesus und das "tatsächliche" Geschehen zu rekonstruieren suchen, übten auch die Gnostiker solche Quellenkritik, um mit Echtheits- oder Unechtheitserklärungen der Worte Jesu unliebsame Aussagen zu eliminieren.

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Seite 122
Letztlich trennten Christentum und Gnostizismus zwei grundlegend verschiedene Ansätze. Während die Gnostiker das biblische Wort rationalen Prinzipien unterwarfen, nahmen es die kirchlichen Exegeten "mit gläubig wartender Lernbereitschaft" (Hil., trin. 1,18) auf, um sich von Gott über Gottes freie Möglichkeiten belehren zu lassen.
    In allen Kontroversen, in denen die Schrift interpretiert und mit der Schrift argumentiert wurde, beruhte für die Kirchenväter der grundlegende Unterschied zwischen orthodoxer
[4] und heterodoxer[5] Auslegung auf die Frage des rechten Vorverständnisses. Die Irrlehre gründete darin, dass "man das Gelesene mehr an das eigene Verständnis anglich, als das Verständnis dem Gelesenen unterzuordnen" (Hil., trin. 7,4). Im Gegensatz bestand die adäquate Hermeneutik[6] darin, sich die Maßstäbe des Denkens von der Schrift selbst vorgeben zu lassen: "Wir wollen ja nicht, wenn wir selbst falsch liegen, die Schrift verdrehen (non enim eam depravati depravamus); vielmehr ist sie ohne Fehl, so daß wir zu ihr zurückkehren sollen, um uns korrigieren zu lassen" (Aug., s. 23,3). Dies bedeutet: "Wir dürfen nicht danach streben, dass die Aussage unserer Auffassung entspricht, sondern dass unsere Auffassung der Aussage der Schrift entspricht." (Aug., Gn. litt. 1,18).
    Die patristischen Reflexionen zur Bibelhermeneutik gewinnen überraschende Aktualität, setzt man sie in Beziehung zur gegenwärtigen Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der historisch-kritischen Exegese. Dass deren Resultate nicht selten von einer in ihrer Arbeit latent waltenden Philosophie beeinflußt sind, ist in jüngster Zeit mehr und mehr bewußt geworden. Was scheinbar nur Tatsachen durch historische Untersuchungen erhellte und Ergebnis  strenger Wissenschaft sein sollte, erwies sich oft als Ausdruck eines bestimmten Weltbildes, demzufolge es ein Eingreifen Gottes ins Weltgeschehen, wie es die Wunderberichte und Auferstehungszeugnisse voraussetzen, nicht geben konnte. Analog zur gnostischen Exegese, die die biblischen Texte so zu deuten suchte, dass die den philosophischen Prämissen des eigenen Weltverständnisses nicht widersprachen, waren auch die Ergebnisse der neuzeitlichen Bibelauslegung vielfach nur Spiegelbild der Plausibilität heutiger Durchschnittserfahrung bzw. Reflex dessen, was eine bestimmte Epoche als Postulat aufgeklärter Wissenschaftlichkeit betrachtete.

 

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Bestellungen richten Sie bitte an den Buchhandel.

 

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Die folgenden Anmerkungen stammen nicht vom Autor des Buches "Theologie der Kirchenväter", sondern vom Webmaster dieser Internetseiten.

[1] kerygmatischer Christus = der von der Kirche "verkündigte Christus", der nach Ansicht mancher Theologen mit dem "wirklichen historischen Jesus von Nazareth" nicht mehr viel zu tun hat.

[2] Kerygma = grie.: Verkündigung

[3] patristische Epoche = Epoche der Kirchenväter

[4] orthodox = grie.: rechtgläubig

[5] heterodox = grie.: andersgläubig. Hier im Sinne von häretisch-gläubig.

[6] Hermeneutik = Methode der Auslegung. Von grie.: hermeneúein = erklären, auslegen verdolmetschen
 

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