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Bibel und "apostolische Sukzession"-1

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Ist die Lehre von der „apostolischen Sukzession“ aus der Bibel begründbar? 
Eine Antwort für nachdenkliche Christen

 

1. Einleitung

Gerade in ekklesiologischen Fragen offenbart sich einem die Tatsache der geistigen Zwangsherrschaft gewisser protestantischer „Dogmen“ und Frömmigkeitsformen, die zu durchbrechen nicht einmal dann ertragen wird, wenn man sich dabei auf die heilige Schrift oder auf die Praxis der reformatorischen und vorreformatorischen Christenheit berufen kann.

Immer wieder hört man zum Beispiel in protestantischen Kreisen, daß die Lehre einer „apostolischen Sukzession“[1] nicht „biblisch“– was immer das heißen mag – wäre. Diesem Vorwurf wollen wir hier nachgehen.

Viel Widerstand gegen die „apostolische Sukzession“ kommt sicher aus einer Unkenntnis oder Verkennung des Inhalts dieser Lehre. Schon der Begriff ist oft unbekannt und darum vielleicht unheimlich. Dennoch soll am Anfang nicht der Versuch stehen, zu erläutern, was denn der Inhalt dieser Lehre überhaupt sei. Es soll hier nämlich nicht der Eindruck entstehen, hier würden zuerst Thesen aufgestellt , für die dann nachträglich das Zeugnis der Hl. Schrift herangezogen wird, um damit die vorher gefaßten Meinungen zu bestätigen. Oder mit anderen Worten gesagt: Es soll – soviel an uns liegt – der Vorwurf vermieden werden, daß wir Aussagen der Hl. Schrift als Stimmzettel für eigene vorgefaßte Meinungen mißbrauchen.

Wir wollen Bibeltexte lesen und daraus Schlußfolgerungen ziehen. Es soll hier also der Versuch unternommen werden, die Lehre von der apostolischen Sukzession allein damit zu begründen, daß wir Aussagen und Prinzipien der Hl. Schrift beobachten und Schlußfolgerungen daraus ziehen. Dabei werden wir uns an den Begriff „Apostolische Sukzession“ halten und in der Hl. Schrift zuerst dem Begriff „Apostel“ nachspüren und dann dem Gedanken einer „Sukzession“.

Nicht wollen wir hier davon reden, wie in späteren Zeiten eine Lehre von der „apostolischen Sukzession“ verstanden und auch mißverstanden wurde. Dies tun wir deswegen, um Geschwistern, die sich dem Prinzip „sola scriptura“ verschrieben haben, nicht unnötigerweise Steine des Anstoßes in den Weg zu legen.

Wer freilich allein die Schrift gelten lassen will, ist gehalten, mit uns die ganze Schrift gelten zu lassen. Das neuzeitlich-moderne Schlupfloch, zunehmend Bibelstellen als für unsere Zeit nicht mehr als gültig zu bezeichnen, sich auf diesem Wege unangenehme Wahrheiten vom Halse zu schaffen und sich dem Anspruch Gottes zu entziehen, lassen wir nicht gelten. Ebenso halten wir nichts davon, etwa die Pastoralbriefe (1 und 2 Tim, Tit) nicht dem Apostel Paulus zuzuschreiben und sie als mindere Zeugnisse einer entstehenden „frühkatholischen Kirche“ zu herabzusetzen.

Um diese Ausarbeitung gewinnbringend zu lesen, braucht man mehrere Dinge:

  1. Eine Bibel. Es wird ausdrücklich dazu ermuntert, vor allem lediglich erwähnte, aber nicht zitierte  Bibelstellen auch wirklich nachzulesen. Bibelzitate in der vorliegenden Ausarbeitung sind meist der Revidierten Elberfelder Übersetzung entnommen.
  2. Zeit. Diese Ausarbeitung soll nicht flüchtig überflogen, sondern quasi durchgearbeitet werden. Wer beim Essen nicht gründlich kaut, verdirbt sich den Magen. In geistlichen Dingen ist es nicht anders.
  3. Demut. In Demut wird diese Schrift den Demütigen vorgelegt. Diese Ausarbeitung entstand in dem Bewußtsein, daß Schreibender und Geschriebenes unvollkommen sind. Wer meint, schon alles richtig zu wissen, nichts mehr lernen zu können und den Dienst anderer nicht nötig zu haben, wird keinen Gewinn aus dieser Arbeit ziehen. Diese Ausarbeitung wuchs während des Schreibens. Dennoch wissen wir, daß viele Dinge zu kurz, einige gar nicht, andere völlig unbefriedigend dargestellt wurden. Manches werden Sie auch in anderen hier veröffentlichten Vorträgen wiederfinden.
    Für Hinweise jeder Art sind wir dankbar.

 

2. Apostel

2.1. Der sendende Gott

Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus ist ein sendender Gott. Das unterscheidet ihn von den Götzen der Völker.

  1. Gott sandte Menschen. Es ist nicht nötig, hier ausführlich über die Sendung Abrahams[2], Moses[3], der Propheten[4] zu reden. Aber Gott sendet nicht nur Menschen.
  2. „Er sendet sein Wort[5] und
  3. Seinen Geist: „Seinen Lebenshauch“[6].

Alle diese „Sendungen“ Gottes gipfeln in der Sendung seines Sohnes, des menschgewordenen Wortes[7] und in der Sendung Seines Geistes[8]:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen.[9]

Jesus ist der Gesandte Gottes. Unmöglich und wohl auch unnötig ist es, hier alle Bibelstellen aufzuzählen, in denen von der Sendung des Sohnes durch den Vater die Rede ist.[10] Jesus ist so sehr der Gesandte des Vaters, daß er im Hebr 3,1 einfach nur „Gesandter“, (auf Griechisch: „Apostel“) genannt wird.

 

2.2. Was ist ein „Apostel“?

Die Bezeichnung Jesu als „Apostel“ ist nicht so sehr vertraut. Daß aber Jesus Christus der Apostel Gottes schlechthin ist, ist im Zusammenhang der hier besprochenen Lehre von der apostolischen Sukzession von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Apostolische Sukzession „beginnt“ in der Bibel nämlich nicht bei "Petrus" oder „den zwölf Aposteln“, sondern bei dem Vater, der seinen Sohn sandte!

2.2.1. Schaliach

Gemeinhin sagt man so: „Apostel“, das sind die zwölf Jünger, die Jesus berief und die mit ihm in seinen Erdentagen durch Galiläa und Judäa zogen.

Was ist dazu zu sagen?

  1. Jesus hatte mehr als nur zwölf Jünger[11] – und nicht alle seiner Jünger waren Apostel! Man kann nicht so einfach behaupten, daß Jesus in den Tagen Seines Erdenlebens nur zwölf Jünger hatte, die auch Apostel genannt werden, mit denen die Kirche begann und die deshalb die Urkirche leiteten.
  2. In der Hl. Schrift werden auch Paulus und Barnabas[12] Apostel genannt, die nicht zu „den Zwölf“ gehörten.
  3. Im NT werden nicht nur Jesus oder Seine Gesandten, sondern auch die Sendboten christlicher Gemeinden „Apostel“ genannt.[13]

Wir fragen: Wie kommt es zu dieser verwirrenden Vielfalt an Trägern des Aposteltitels? Was bedeutet denn eigentlich der Begriff und das Amt eines Apostels? Welche Bedeutung hat es, wenn Jesus oder Menschen als „Apostel“ bezeichnet werden?

Antwort: Das Wort „Apostel“, das uns auch im Begriff „apostolische Sukzession“ begegnet, stammt aus der griechischen Sprache, in der das NT verfaßt worden ist. Es heißt auf Deutsch „Abgesandter“ oder „Gesandter“ oder „Ausgesandter“.

Das im NT verwandte griechischen Wort für „Abgesandter“ (= Apostel) entspricht dem hebr./aram. Wort „Schaliach“.[14] Um zu begreifen, was ein „Apostel“ überhaupt ist, betrachten wir also die im Judentum zur Zeit Jesu vom alten semitischen Botenrecht her deutlich ausgeprägte Funktion des Schaliach: des Gesandten bzw. Beauftragten. Was ist ein Schaliach?

Als bevollmächtigter und gesandter Vertreter war der Schaliach eine fest geprägte juristische Institution in der damaligen Zeit. Der Schaliach hatte die Vollmacht, im Namen und in der Autorität dessen zu sprechen und zu handeln, der ihn gesandt hatte. In der Mischna findet sich der Grundsatz: „Der Beauftragte (schaluach) eines Menschen ist wie dieser selbst.“[15] Durch einen Schaliach konnte man sich bei fast jedem beliebigen Geschäft mit der gleichen Wirkung vertreten lassen, als ob man selbst gegenwärtig gewesen wäre. Man konnte sich damals sogar bei der Verlobung durch einen Schaliach vertreten lassen.[16]

Ein Schaliach (= Apostel) war jemand, der ermächtigt war, für einen anderen rechtsverbindlich zu handeln. Der Gesandte war im Rahmen seines Auftrags der bevollmächtigte Stellvertreters des Sendenden und repräsentierte verbindlich den ihn Sendenden. Was ein Schaliach gesagt, getan oder geschrieben hatte, war ebenso bindend, als ob der Sendende es selbst gesagt, getan oder geschrieben hätte. 

Dazu ein Beispiel aus dem Markusevangelium: Im Vers 16 lesen wir, daß Herodes vermutet: "Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferweckt worden." Liest man diesen Vers 16, muß man zuerst einmal annehmen, daß Herodes Antipas höchstpersönlich den Täufers enthauptet hat.
Erst im Fortgang des Berichtes erfährt man, das dies keineswegs so war. In Kapitel 6,27 lesen wir, daß der König einen Henker schickte (grie: aposteilas = Aorist Partizip von apostello) und befahl, das Haupt des Täufers zu bringen.
Obwohl es also ein Henker war, der Johannes den Täufer enthauptet hatte, spricht Herodes von "Johannes, den ich enthauptet habe". Der gesandte Henker des Herodes repräsentierte seinen Auftraggeber so sehr, daß der Vierfürst sagen konnte, er hätte die in seinem Namen und Auftrag vollbrachte Tat getan.

In Joh 13,16 finden wir, daß Jesus einen allgemein anerkannten Rechtsgrundsatz seiner Zeit zitiert. Verständlich wird dieser Satz eigentlich nur, wenn man verstanden hat, was man damals unter einem Schaliach bzw. Apostel verstand.

Dieses Gesandten-Prinzip des ist auch unserer Zeit nicht ganz fremd. Man denke nur an die Stellung des Botschafters eines Staates im diplomatischen Recht oder an einen Anwalt, der jemanden vor Gericht oder außergerichtlich vertritt.

Wir fassen zusammen: Das Wesen des Apostolats ist „Stellvertretung“ und „Repräsentanz“ des Sendenden.
Dieses Verständnis des „Apostolats“ erklärt auch, warum unterschiedslos sowohl Jesus, als auch „die Zwölf“ ebenso wie Gemeindegesandte „Apostel“ genannt werden konnten. Der Titel „Apostel“ hat an sich kein Gewicht, sondern bezeichnet einfach nur jemanden, der mit Vollmachten von jemanden ausgestattet und gesandt wurde.
Das "Gewicht" des Gesandten hängt dabei natürlich von der Bedeutung dessen ab, der ihn sandte und den er repräsentierte. Der Gesandte darf seine Befugnis nicht überschreiten und sich vor allem nicht gegen seinen Auftraggeber wenden. Auftrag und Vollmacht hängen ja ganz vom Sendenden ab.
Es ist dabei von entscheidender Wichtigkeit, daß man sich nicht selbst zu einem bevollmächtigten Gesandten machen kann. Man empfängt Vollmacht, man nimmt sie sich nicht so einfach.


2.2.2. Vollmacht

Wir müssen nun daran gehen, in diesem Zusammenhang ein verbreitetes Mißverständnis über „Vollmacht“ auszuräumen. Vollmacht (im griechischen Text des NT „exousía“) ist in der Hl. Schrift entgegen dem landläufig christlichen Sprachgebrauch nicht zuerst eine gewaltige Mächtigkeit und Kraft, sondern die Befugnis, etwas zu tun. Vollmacht berechtigt jemanden, in jemand anderes Namen und an seiner Stelle zu handeln. „Vollmacht“ heißt nicht, daß man etwas „voller Macht“ tut, sondern, daß man etwas ausdrücklich erlaubterweise im Namen eines anderen tun darf. Auch ein Schaliach brauchte damals (eine) Vollmacht, um überhaupt anstelle des Sendenden auftreten und handeln zu dürfen. Die Frage war damals bei einem Schaliach nicht zuerst: „Kann der das (besonders gut) tun?“, sondern „Darf der das tun? Hat er die Berechtigung? Ist er vom Sendenden ermächtigt?“ Vollmacht bedeutet nicht „Potenz“[17], sondern „Lizenz“[18].

Auch heute ist das noch so: Ein Rechtsanwalt braucht eine von mir verliehene Vollmacht, um mich vertreten zu dürfen. Dabei ist es egal, ob er es gut oder schlecht kann. Er darf jedenfalls nicht einfach aufgrund eines eigenen Antriebs oder weil er sich selbst für geeignet ansieht, in meinem Namen auftreten und handeln. Ob er mich gut und erfolgreich - wir würden heute vielleicht christlich-umgangssprachlich sagen: „vollmächtig“ vertritt, ob „er’s drauf hat“ – steht auf einem ganz anderen Blatt. Das hat mit seiner Vollmacht[19] nichts zu tun und schmälert seine Berechtigung, in meinem Namen aufzutreten, in keiner Weise. Freilich steht es mir frei, jemanden, der nicht in meinem Sinne handelt, die Befugnis in meinem Namen aufzutreten, zu entziehen.

 

2.3. Jesus: der Gesandte Gottes

Ein Apostel ist im Rahmen seines Auftrags der bevollmächtigte Stellvertreters des Sendenden. Was ein Schaliach gesagt, getan oder geschrieben hatte, war ebenso bindend, als ob der Sendende es selbst gesagt, getan oder geschrieben hätte. Von daher wird deutlich, was es bedeutet, daß Jesus der Gesandte Gottes ist. Er handelt an Gottes Statt.

Zwei Beispiele:
1. Jesus vergab Sünden und beschwor damit einen Skandal herauf[20]: Selbstverständlich darf und kann nur Gott Sünden vergeben. Gott aber sandte Jesus als seinen Schaliach, seinen Apostel. Wenn Jesus die Sünden vergibt, dann hat Gott sie vergeben, denn ein Abgesandter repräsentiert verbindlich den ihn Sendenden. Es gilt ja: Was ein Schaliach tut, ist ebenso bindend, als ob der Sendende es selbst tut.

2. Jesus hat in der Bergpredigt die Gebote des Alten Bundes verschärft[21]: Jesus durfte das als Schaliach Gottes tun. Er hatte die Vollmacht dazu. Denn: Ein Abgesandter repräsentiert verbindlich den ihn Sendenden. Was der Schaliach sagt, ist ebenso bindend, als ob der Sendende es selbst gesagt hätte.

Wir wollen hier nicht weiter auf Einzelheiten eingehen. Wer das Prinzip begriffen hat, daß ein Gesandter im Rahmen seines Auftrags der bevollmächtigte Stellvertreters des Sendenden ist und vollgültig und verbindlich an seiner Statt handeln darf, kann sich mit wenig Mühe selbst weitere Bibelstellen suchen, in denen Jesus als „bevollmächtigter Vertreter Gottes“ handelt.

 

2.4. Die Gesandten Jesu

Wir wollen im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter auf die Abgesandten von christlichen Gemeinden eingehen, die im Urtext des NT ebenfalls „Apostel“ genannt werden. Es mag verblüffen, daß sogar einfache Vertreter einer Gemeinde mit einem Titel bedacht werden, der später in höchsten Ehren gehalten wurde. Vor allem hieran ist zu erkennen, daß das Wort „Apostel“ an und für sich nur jemanden bezeichnet, der ermächtigt ist, an Statt jemandes anderen zu handeln. Dieser Jemand kann Gott genausogut sein wie eine einzelne unbedeutende Gemeinde. Das „Gewicht“ des Gesandten ist dabei völlig abhängig von dem des Sendenden. Ist auch der Gesandte wie der Sendende, so ist der Gesandte doch keinesfalls größer als der, der ihn gesandt hat. Wird jemand „Apostel“ genannt, besagt das an sich nicht viel. Man muß sofort fragen: Wessen Apostel?

2.4.1. Waren alle Jünger Jesu Apostel?

Wenden wir uns nun jenen zu, die gemeinhin als „Apostel Jesu Christi“ bezeichnet werden: die Zwölf. Wir erinnern uns an die Bedeutung des Apostelamtes: Ein Apostel ist im Rahmen seines Auftrags der bevollmächtigte Stellvertreters des Sendenden. Nicht jeder Jünger Jesu war ein solcher bevollmächtigter Gesandter!  Nicht alle seiner Jünger waren Apostel! Weiter oben wurde schon auf den sehr bedeutsamen Umstand hingewiesen, daß Jesus „in seinen Erdentagen“ sehr viele Jünger hatte, aber nur wenige Apostel. Dieser Umstand verdient im Zusammenhang einer apostolischen Sukzession allerhöchste Beachtung. Zwar wird auch der Kreis der Zwölf oft zusammenfassend „Jünger“ genannt wird, dennoch aber der Kreis der Jünger Jesu selbstverständlich viel größer war als der Kreis der „Zwölf“ - sowohl vor[22] der Kreuzigung als auch danach[23]. Das ist den meisten Bibellesern gar nicht bewußt, dennoch ist der biblische Befund eindeutig.

Ganz deutlich wird dieser Unterschied in dem Bericht des Lukas über die Berufung der Apostel:

Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.[24]

Mit aller wünschenswerten Eindeutigkeit wird hier klar gesagt, daß die Apostel aus der Menge aller Jünger Jesu herausberufen wurde. Die nichtberufenen Jünger bleiben natürlich auch als „Nichtapostel“ Jünger Jesu.

Es entspricht also ganz und gar nicht dem biblischen Befund, daß alle Jünger Jesu – damals, später oder heute – unterschiedslos den zwölf Aposteln entsprechen. Jesus trennte also nicht nur zwischen solchen die an ihn glaubten und denen die nicht an ihn glaubten, sondern er trennte auch zwischen seinen Jüngern: die Zwölf für sich[25] und die anderen für sich, mitsamt den Frauen, die Jesus und den Zwölfen halfen.[26]

Dasselbe sagt der Herr auch zu Petrus in Lk 12, 42, als dieser Ihn fragte:

Herr, sagst du dieses Gleichnis zu uns oder auch zu allen?

Jesus spricht in Seiner Antwort von treuen und klugen Verwaltern, die der Herr über sein Gesinde setzen wird, um dem Gesinde die zugemessene Speise zu geben zur rechten Zeit. Offensichtlich ist, daß Jesus davon ausgeht, daß innerhalb Seines "Gesindes" (= Seiner Gemeinde) einige über die anderen gesetzt werden - nicht um sie zu beherrschen, sondern um ihnen zu dienen. Sie haben nichts Eigenes auszuteilen, sondern aus dem Schatz ihres Herrn. Freilich: die Verantwortung jener Verwalter ist groß und ebenso groß ist die Gefahr, in der sie sich befinden:

Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr läßt sich Zeit mit dem Kommen, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil festsetzen bei den Ungläubigen.
(Lk 12,45f.)

Jesus hat aber auch innerhalb des Zwölferkreises offensichtlich Unterschiede gemacht. Das führte immer wieder zu Eifersüchteleien unter den Aposteln.[27] Der engere Kreis setzte sich zusammen aus den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes.[28]
Eine herausragende Stellung einzelner blieb auch nach Pfingsten erhalten: Paulus schreibt in Gal 2,9, von

Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden.

Daß Jesus Unterschiede gemacht hat, mag für neuzeitliche Menschen mit ihrem Gleichheitsideal durchaus ärgerlich sein. Gleichwohl ist es so. Ein bibeltreuer Christ sollte so mutig und konsequent sein, aus diesem klaren biblischen Befund seine Schlüsse zu ziehen.

2.4.2. Apostel und Vollmacht

Warum aber berief der Herr aus der Menge seiner Jünger zwölf zu Aposteln?

Erinnern wir uns an das unter Punkt 2.2. über die Bedeutung eines Gesandten Gesagte: Ein Gesandter (griechisch = Apostel oder aramäisch = Schaliach) ist jemand, der ermächtigt war, für einen anderen rechtsverbindlich zu handeln. Der Gesandte ist im Rahmen seines Auftrags der bevollmächtigte Stellvertreters des Sendenden.

Wenn Jesus unter seinen Jüngern Zwölf auswählt und sie „Apostel“ nennt, bedeutet das also: diese Zwölf sind seine bevollmächtigten Vertreter. Aus ihrer Stellung als Apostel – nicht schon aus ihrer Stellung als Jünger! – folgt ihre Autorität, mit der sie im Namen Jesu reden und handeln sollten.

Das geht auch aus den biblischen Berichten hervor: Als Jesus aus der Menge seiner Jünger zu sich rief, „die er wollte“[29], wurde nicht nur der Titel eines Apostels vergeben, sondern hier wurde tatsächlich Bevollmächtigungen erteilt. Das zeigt besonders der Bericht des Markus über die Berufung der Zwölf. Nicht alle Jünger wurden ausgesandt oder hatten Vollmacht oder waren berufen!

Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er berief zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen und Vollmacht zu haben, die Dämonen auszutreiben. Und er berief die Zwölf.[30]

Aus all dem bisher Gesagten ergibt sich folgendes Bild: Jesus Christus bevollmächtigte aus der Menge seiner Jünger einen Teil vor allen anderen besonders, in Seinem Namen aufzutreten und zu handeln. Die Botschaft dieser "Apostel" stellte darum die Menschen genauso wie Jesu eigenes Wort vor die Entscheidung:

Wer euch hört, hört mich; und wer euch verwirft, verwirft mich; wer aber mich verwirft, verwirft den, der mich gesandt hat.[31]

Zu wem die Apostel kamen, zu dem kam der, der die Apostel ausgesandt hatte:

Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.[32]

Daran änderte sich grundsätzlich nichts auch nach Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Die Berufung zum Apostel wurde auch nach dem Versagen der Apostel nicht zurückgenommen. Auch nach der Kreuzigung bleib ein Apostel ein bevollmächtigter Stellvertreter Jesu, des Schaliach Gottes, des Vaters. Nach der Auferstehung erschien Jesus und sprach:

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.[33]

Interessant ist, daß hier eine bevollmächtigende Beauftragung wieder mit der „Vollmacht zur Sündenvergebung“ verknüpft wurde. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an die durchaus berechtigte Frage der schriftgelehrten jüdischen Theologen in Mk 2,7:

Wer kann Sünden vergeben außer einem, Gott?

Sündenvergebung ist die Nagelprobe in der Frage nach göttlicher Vollmacht! Diese Vollmacht kann man sich nicht selber nehmen! Diese Vollmacht muß ausdrücklich erteilt werden. Wehe dem, der sich selbst göttliche Vollmachten erteilt! Er betrügt die, denen er Sünden „vergibt“ – und sie sind doch nicht vergeben – und richtet sie und sich selbst zugrunde.

Wenn man Mk 2,1ff und Joh 20,21ff nebeneinander stellt, ergibt sich eine „Sukzession“: Der Vater bevollmächtigt den Sohn. Der Sohn bevollmächtigt die Apostel.

Exkurs: Ist denn die Vollmacht zur Sündenvergebung nicht allen Jüngern Jesu erteilt worden?

In der Regel wird im Protestantismus die Notwendigkeit einer besonderen Bevollmächtigung zur Sündenvergebung bestritten. Davon, daß die Beichtvollmacht nicht der Gesamtgemeinde gegeben ist, sondern nur einigen ihrer Glieder, will man nichts wissen. Werner de Boor formuliert in der Wuppertaler Studienbibel den Einwand dagegen folgendermaßen:

„Wenn das Erlassen der Sünden wie auch ihr Behalten so wirksam und so entscheidend ist, bedarf es dann nicht bei den Jüngern besonderer Vorbedingungen für die Erfüllung dieser Aufgabe? Ist etwa eine Ausbildung nötig? Oder muß dazu ein eigener Auftrag, ein festes "Amt" vorliegen? Aber Jesus sagt nichts davon. Man hat freilich die Bindung der Vollmacht zum Lösen und Behalten der Sünden an ein "Amt" aus der Tatsache schließen wollen, daß hier nur die "Apostel" von Jesus diesen Auftrag erhielten. Aber gerade unser Bericht nennt nicht die "Zwölf" und spricht nicht von "Aposteln", sondern einfach von "Jüngern". Jeder, der Jesu Jünger ist, darf und muß den Auftrag Jesu als einen an ihn gerichteten hören. Oder will man das viel deutlicher nur an die "Zwölf" gerichtete Liebesgebot in den Abschiedsreden auch zu einem Privileg geweihter Priester oder bestimmter Amtsträger machen?“[34]

Was ist dazu zu sagen?

1. De Boors Aufforderung: „Jeder, der Jesu Jünger ist, darf und muß den Auftrag Jesu als einen an ihn gerichteten hören.“ ist mit Vorsicht zu genießen. So einfach geht das nicht! Seine Gleichung „Jünger = Apostel“ geht nicht auf, weil sie ganz einfach - wie wir bereits sahen - dem Zeugnis der Schrift überhaupt nicht standhält. Alle Apostel Jesu waren zwar Jünger, aber keineswegs alle Jünger Jesu Apostel!
Christus hat in seiner Kirche die Schlüsselvollmacht und die Vollmacht zu Binden und zu Lösen gegeben Binden und zu Lösen“[35] gegeben. Bei den jüdischen Schriftgelehrten brauchte man den Begriff vom Binden und Lösen im Sinne von „Verbieten und Erlauben“. Die Rede von der Schlüsselübergabe knüpft an Jes 22,15ff. an. Eljakim wird dort das Amt des Verwalters, der über das Haus des Königs bestellt ist, verheißen. Ihm wird gesagt, daß Gott ihm die Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen (wird). Eljakim wird öffnen, und niemand wird schließen, er wird schließen, und niemand wird öffnen. Dieser Verwalter, der über das Haus des Königs und dessen Gesinde gesetz wird, hat Zugang zu allen Räumen, besonders zu den Vorratsräumen. Er hat „Vater“ zu sein und alle zu versorgen. Natürlich interessiert im Neuen Bund nicht der Palast Davids im irdischen Jerusalem, sondern das Heil Davids im neuen Jerusalem. Die Schlüssel, die Jesus hier gibt, machen demnach die Schätze der Heilswelt Gottes zugänglich.
Sind die so verstandenen  "Schlüssel des Himmelreichs", die Jesus dem Petrus verliehen hat, allen Christen gegeben? Aus dem NT ergibt sich das nicht so ohne weiteres. (Siehe auch: Lk 12,41-42) Es muß die Frage erlaubt sein, wozu es überhaupt noch Schlüssel gibt, wenn alle einen Schlüssel haben. Wenn ausnahmslos jeder einen Schlüssel zu meiner Wohnung hat, brauche ich meine Tür überhaupt nicht mehr abzuschließen. Schlüssel, die ein jeder hat, sind sinnlose Schlüssel.
In der sogenannten "Gemeinderegel" Mt 18,18, die in diesem Zusammenhang oft angeführt wird, ist von "Schlüsseln" überhaupt nicht die Rede. Lediglich von der Vollmacht zu binden und zu Lösen wird dort gesprochen. Hat die Gesamtgemeinde diese Vollmacht? Der Zusammenhang von MT 18,15 ff. erinnert an  Num 15,32ff.; Jos 20,6; 1 Kor 5. Auch dort wird jeweils der Fall eines Sünders vor die Gemeinde gebracht, doch das Urteil sprach in keinem dieser Fälle die Gesamtgemeinde, sondern ihre Leiter (Mose, die Ältesten, der Apostel).

2. Was ist nun von dem Einwand de Boors zu halten, mit dem er Beichtvollmacht und Liebesgebot in eins setzt: „Will man das viel deutlicher nur an die "Zwölf" gerichtete Liebesgebot in den Abschiedsreden auch zu einem Privileg geweihter Priester oder bestimmter Amtsträger machen?“ Bei der „Sündenvergebung und – behaltung“ handelt es sich um eine Bevollmächtigung, die dazu absolut notwendig ist. Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein! Kein Mensch kann sich von sich aus anmaßen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben!“ Dazu bedarf er einer ausdrücklichen Vollmacht. Beim Liebesgebot handelt es sich aber nicht um eine erteilte Vollmacht, sondern um ein Gebot. Man muß diesen Unterschied schon beachten. Wer eine Erlaubnis nicht von einem Befehl unterscheiden kann, wird nicht nur hier irren. Es macht einen Unterschied, ob ich jemanden erlaube, in meine Gegenwart zu rauchen oder ob ich es ihm befehle. Es ist nicht ein und dasselbe, jemandem Vollmacht zu geben, Geld von meinem Konto abzuheben, oder ihm Order zu geben, es zu tun.

Wir sind auch aus folgenden Gründen der Meinung, daß in Joh 20,21ff. von einer Begegnung mit den „Aposteln“ die Rede ist.

1.  „Die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.“ Wegen dieser Angst vor den Juden wird man sich eine größere Zusammenkunft aller noch verbliebenen Anhänger Jesu am Abend des Ostertages nur schwerlich vorstellen können. Man hat sicher in seiner Angst vermieden, irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen. Das wäre bei einer großen Menschenansammlung sicher erheblich schwieriger gewesen, als bei einem Kreis von weniger als elf Personen.

2.  Im folgenden Kapitel des Johannesevangeliums wird gesagt, daß Jesus sich „abermals den Jüngern am See Tiberias offenbarte“. Die Namen, die dann aber aufgezählt werden, entstammen allerdings alle dem Zwölferkreis. Warum soll es nicht auch so bei Joh 20,21ff. so sein?

3.  Genauere Untersuchungen des Ablaufs der Osterereignisse lassen annehmen, daß die Erscheinung Jesu am Ostersonntagabend das in 1 Kor 15,5 erwähnte Erscheinen vor den „Zwölfen“ gewesen war bzw. die Offenbarung vor den Elfen (Mk 16,14) bei der es ja nach dem Markusevangelium zu einer Aussendung gekommen sei.[36]

Unter zu Hilfenahme anderer Schriftstellen kommen wir also zu dem Ergebnis, daß die „Jünger“ in Joh 20, 21ff. die Apostel sind.

Matthias Niche

 

Weiter zu Teil II

horizontal rule

[1] successio (lat.) = Nachfolge

[2] Gen 12,1

[3] Ex 4,13

[4] zum Beispiel Jes 6,8

[5] Ps 147,18

[6] Ps 104,30

[7] Joh 1,14

[8] Odem und Geist sind oft Wechselbegriffe: Hiob 33,4; 34,14; Jes 42,5; 57,16

[9] Gal 4,4-6

[10] Joh 5,23.36.37; 6,44.57; 8, 16.18.42; 10,36; 12,49; 17,21.25; 20,21; 1 Joh 4,14

[11] Auch in der Zeit zwischen Kreuzigung und Ausgießung des Hl. Geistes.

[12] Apg 14,14

[13] 2 Kor 8,23; Phil 2,25

[14] Eine Form dieses Wortes finden wir in Joh 9,7.

[15] Berachot 5,5

[16] Die Verlobung hatte damals die gleiche rechtliche Bedeutung wie heute die standesamtliche Eheschließung.

[17] Leistungsfähigkeit, Kraft Stärke

[18] Ermächtigung, Befugnis

[19] = Berechtigung, in meinem Namen und an meiner Statt zu handeln

[20] Mk 2,5-10

[21] Mt 5,21-48

[22] Lk 16,7; 10,1; Joh 6,66; 19,38;

[23] Apg 1,13

[24] Lk 6,13

[25] Mk 3,14: „...daß sie bei ihm sein sollten...“

[26] Lk 8, 1-3; 10,

[27] Lk 9,34 ; 22,24 ; Mt 20,20ff.

[28] Mt 17,1 par; Mk 5,37; 13,3; 14,33; u.a.m.

[29] Mk 3,14

[30] Mk 3,13-16 siehe auch die parallelen Stellen Mt 10,1 ff.; Mk 3,13 ff.

[31] Lk 10,16

[32] Mt 10,40

[33] Joh 20,21-23

[34] Wuppertaler Studienbibel zu Joh 20,23

[35] Mt 16,19

[36] Mehr dazu im Buch von Karsten Bürgener: „Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ Kap. 22

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