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Einige Gedanken zu den Abschiedsreden Jesu

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Joh 13,31-16,33

Ich vermute, daß niemand unter Ihnen während des Studiums eine Vorlesung oder ein Seminar über die sogenannten Abschiedsreden Jesu mitgemacht hat - über jene lange Rede, die Jesus den Aposteln zum Abschied am Gründonnerstagabend gehalten hat. Dies ist ja kein geeigneter Stoff, um einen Theologiestudenten auf das Eis der historisch-kritischen Theologie zu ziehen. Aber auch die Kirche tut sich schwer mit den Texten der johanneischen Abschiedsreden.

Wenn beispielsweise die klassischen Evangelien für die drei Sonntage vor Himmelfahrt aus den Abschiedsreden stammten und das Himmelfahrtsfest vorbereiten sollten, so hat das kaum jemand verstanden. Statt dessen hat sich besonders deutlich am Sonntag Kantate die Kirchenmusik in den Vordergrund gedrängt, wobei inzwischen sogar das alte Evangelium durch ein neues Stück aus dem Matthäusevangelium ersetzt wurde, das besser zur Kirchenmusik paßt. (Joh 16,5-15 wurde ersetzt durch Mt 11,25-30)

Ebenso wurde das klassische Evangelium vom Sonntag Jubilate durch ein neues ersetzt, das zwar auch aus den Abschiedsreden kommt, aber nichts mehr mit mit dem ursprünglichen Thema, nämlich der Himmelfahrt Jesu zu tun hat. (Joh 16,16-23a wurde ersetzt durch Joh 15,1-8)

Am Sonntag Rogate hat man zwar das alte Evangelium beibehalten (Joh 16,23b-30), aber offensichtlich nur, weil man den Text statt auf Himmelfahrt und Geistausgießung auf das allgemeine Gebet eines jeden einzelnen Christen gedeutet hat, was aber ursprünglich keineswegs gemeint war. Wir kommen auf diesen Punkt noch zu sprechen. 

Eigentlich aber ist es doch klar: In den Abschiedsreden geht es vor allem um die Himmelfahrt Jesu und die Herabkunft des Heiligen Geistes; es geht um das sakramentale, amtliche Gebet der Kirche, das immer erhört wird, und vor allem um die heilige Firmung. Etwas vereinfachend könnte man sagen: Joh 3 handelt von der Taufe, Joh 6 vom Abendmahl und die Abschiedsreden von der Firmung.

Nun hat es ja seine besondere Bedeutung, daß nicht von einer Abschiedsrede gesprochen wird, sondern - Plural! - von den Abschiedsreden. Das hat darin seinen Grund, daß Jesus neben dem Hauptthema “Himmelfahrt, Geistausgießung, Firmung“ noch ganz andere Dinge anspricht: so vor allem die christliche Bruderliebe und das Weinstockgleichnis; es geht aber auch in diesem Zusammenhang noch einmal um das heilige Abendmahl.

Ich möchte mich in diesem Vortrag weitgehend auf das Hauptthema beschränken “Himmelfahrt, Geistausgießung und Sakramente“. Das heißt, ich möchte vor allem ein paar einzelne Verse zum Thema Abendmahl und Firmung herausgreifen und zu ihnen etwas sagen.

*

Im klassischen Evangelium zum Sonntag Jubilate, das neuerdings in die dritte Predigtreihe gerutscht ist, sagt Jesus:

Über ein kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals über ein kleines, dann werdet ihr mich sehen.
... und: Ich gehe zum Vater.
(Joh 16,16+17)

Wovon redet Jesus hier? Von seinem Tod und von seiner Auferstehung? Redet er hier von seinem kurzen Aufenthalt im Grab und davon, daß die Jünger ihn dann doch schon am dritten Tag als Auferstandenen wieder sehen werden?

Aber warum heißt es in diesem Zusammenhang: “Ich gehe zum Vater“? Ist vielleicht die Zeit zwischen Himmelfahrt und Jüngstem Tag gemeint, eine Zeit die uns lang erscheint, von der Jesus aber in der Offenbarung sagt, sie sei doch nur kurz:

Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sind.
(Offb 22,12)

In Wirklichkeit ist weder das eine noch das andere gemeint. Es geht weder um Tod und Auferstehung Jesu noch um seine Wiederkunft am Jüngsten Tag, sondern um die Himmelfahrt Jesu und seine immer wieder neue Herabkunft beim Heiligen Abendmahl. Darum sagte Jesus ja drei Tage später, am Ostersonntag, zu Maria Magdalena:

Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
(Joh 20,17)

Warum vertröstet Jesus Maria auf die Himmelfahrt? Kann Maria Magdalena Jesus anrühren, wenn er zum Himmel aufgefahren ist? Ja, wenn nämlich Jesus den Geist gesandt hat, der das eucharistische Brot in seinen Leib verwandelt. Die Kommunion des eucharistischen Leibes Jesu bringt mehr als die Berührung des Leibes des Auferstandenen. Sie schenkt übernatürlichen Frieden. Darum sagt Jesus in den Abschiedsreden:

Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, daß ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch ...
(Joh 14,27+28)

Den Frieden, den Jesus hier verheißt, können die Jünger nur dann bekommen, wenn Jesus den dazu nötigen Geist in seiner Fülle vom Himmel herabsendet. Das aber kann er nach dem Johannesevangelium erst tun, wenn er selber zum Himmel aufgefahren ist.

Warum? Kann Jesus nicht als der Auferstandene für immer auf der Erde bleiben und trotzdem zugleich den Pfingstgeist herabsenden? Nein, das geht offenbar nicht. Die Bibel begründet das nicht, aber ich selber möchte eine Vermutung wagen: Jesus möchte die Konkurrenz vermeiden zwischen seiner auferstandenen Person, die vielleicht in Jerusalem oder Rom residieren würde, und seiner gleichzeitigen eucharistischen Anwesenheit an vielen Orten der Erde. Mit Sicherheit würde das Ansehen der Eucharistie leiden, wenn Jesus gleichzeitig mit seinem Auferstehungsleib irgendwo auf der Erde sichtbar, anfaßbar und fotografierbar zu sehen wäre. Sein Fernsehauftritt wäre in der heutigen Zeit sicher sehr viel imponierender als jede Abendmahlsfeier, aber es ginge davon kein Friede aus.

Stellen wir uns einmal vor, welche unwillkommenen Wahrheiten Jesus heute, in einem Fernsehinterview, sagen würde und die Reaktion der Öffentlichkeit: haßerfüllte Kommentare bei den Linken wie auch bei den ganz Rechten, ablehnendes Kopfschütteln bei den Gemäßigten und schließlich Furcht bei den gläubigen Christen - Furcht vor neuen Verfolgungen. Frieden ginge jedenfalls von einem solchen Interview nicht aus.

Der Friede, den Jesus uns schenken will, geht also nicht von seiner irdischen Person aus - wenn er denn auf der Erde geblieben wäre - sondern vom Heiligen Geist, der heimlich und unerkannt zur gottesdienstlichen Gemeinde kommt, die sich zwar hinter scheinbar offenen Kirchentüren, in Wirklichkeit aber wenigstens für eine Stunde von der Welt abgesondert und im Arkanum versammelt hat.

Wenn wir das bedenken verstehen wir vielleicht, warum Jesus in seiner Abschiedsrede gesagt hat:

ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, daß ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
(Joh 16,7)

Für die Kirche ist es gut, wenn der sichtbar Auferstandene diese Welt verläßt und dafür den unsichtbar wirkenden Heiligen Geist sendet, der den Gläubigen im Abendmahl auf geheimnisvolle Weise ihren unsichtbaren Herrn zurückbringt und für sie sichtbar macht.

In diesen Zusammenhang gehört denn auch das folgende Wort:

Es ist noch um ein kleines, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen ...
(Joh 14,19)

Den irdischen Jesus konnten alle sehen, den Auferstandenen hätten alle sehen können - heute sogar im Fernsehen, denn er war ja richtig wieder lebendig geworden. Aber den eucharistischen Heiland können nur die Gläubigen sehen! Die anderen sehen Brot - nur Brot. Das gilt leider auch für die Kalvinisten und Baptisten, auch sie sehen ja leider nur Brot - selbst wenn es sie in eine katholische Messe verschlägt.

*

Es sind so schöne Worte, die Jesus hier zum Abendmahl gesagt hat, hören wir sie noch einmal in einem weiteren Kontext:

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Es ist noch um ein kleines, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. An demselben Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.
(Joh 14,18-20)
Schon in seiner großen Brotrede hatte Jesus ja gesagt, daß das Abendmahl das wahre, geistliche Leben vermittelt. Andererseits gilt:
Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.
(Joh 6,53)

 Hier nun sagt Jesus: Erst durch das Abendmahl versteht der Christ das innerste Geheimnis der Trinität:

An demselben Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.
(Joh 14,20)
Vom Abendmahl handelt auch der folgende Satz aus den Abschiedsreden Jesu:
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.
(Joh 14,23)
Wer Jesus liebt, liebt auch seine Worte über das Abendmahl, und er wird daher häufig zur Kommunion gehen. Wenn jemand aber das durch den Heiligen Geist gesegnete Brot empfängt, nimmt nicht nur Jesus sondern auch der göttliche Vater in ihm Wohnung.

*

Die Abschiedsreden lehren uns also noch größer vom Abendmahl zu denken, als wir es schon auf Grund der großen Brotrede tun können. Dabei ist zu bedenken, daß das Abendmahl nach den Abschiedsreden ein Werk des Geistes ist, den Jesus zu Pfingsten senden wollte, also erst nach der Himmelfahrt.

Hier stellt sich nun die Frage, ob die Jünger denn vor Pfingsten noch kein selbständiges Abendmahl gefeiert haben. Ich möchte das in der Tat vermuten. Vielleicht ist ihnen Jesus in der österlichen Freudenzeit regelmäßig an jedem Sonntag erschienen, um sie zu belehren und das Abendmahl vor ihnen einzusetzen - in jener Kraft des Geistes, die ihm als Sohn Gottes zu eigen war und auf die er im Unterschied zu den Aposteln nicht erst zu warten brauchte.

Am Sonntag Exaudi hätten dann die Jünger notgedrungen einen sakramentslosen, reinen Gebetsgottesdienst gefeiert.

In jedem Fall halten wir fest: Das Abendmahl ist nach den Abschiedsreden Jesu ein Werk des Pfingstgeistes und ein überaus großes göttliches Wunder.

Trotzdem ist das Abendmahl in den Abschiedsreden eher ein Nebenthema, es geht in der Hauptsache um die Firmung.

*

In den Abschiedsreden hat Jesus gesagt:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, denn ich gehe zum Vater ...
Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.
(Joh 14,12+14)
Hier stellt Jesus den Aposteln in Aussicht, daß sie nach der Himmelfahrt Jesu - wir ergänzen: und nach der Geistausgießung zu Pfingsten - noch größere Werke tun werden als er selber.

Jesus hat viele Kranke geheilt und sogar Tote auferweckt. Was konnten die Apostel tun, was größer war als diese Wunder? Antwort: Sie konnten taufen und firmen. Vom Abendmahl rede ich jetzt nicht, dieses Wunder hat Jesus ja schon selber vollzogen - einmal am Gründonnerstagabend und mehrfach vermutlich in der nachösterlichen Freudenzeit.

Getauft hat Jesus zwar auch schon, dabei aber nur die vorläufige Bußtaufe des Johannes vollzogen. Wenn jedoch die Kirche in der Kraft des Pfingstgeistes einen Menschen tauft, vollzieht sich das Wunder einer neuen Geburt, es vollzieht sich die Umprägung eines natürlichen Menschen in ein Gotteskind. Das ist ein größeres Wunder als die Auferweckung eines Toten oder die Heilung vieler Kranker - trotz allem, was man zur scheinbaren Wirkungslosigkeit der Taufe sagen kann.

Ein ganz besonders großes Wunder ist aber auch die heilige Firmung - trotz allem, was man wegen der menschlichen Sünde auch gegen ihre scheinbare Wirkungslosigkeit sagen kann. In der heiligen Firmung nimmt der Paraklet, die dritte Person der heiligen Trinität, bleibend Wohnung im Menschen.

Schon im Alten Testament ruht ja der Heilige Geist auf den Menschen, bzw er wohnt in ihrem Innersten, wie es beispielsweise von Josua gesagt wird, der ein Mann genannt wird, “in dem der Geist ist“ (4.Mose 27,18). Auch in den Aposteln, die an Jesus als den Messias und Sohn Gottes glaubten, wohnte zweifellos schon der Heilige Geist (vgl 1.Kor 12,3). Aber zu Pfingsten kommt der Geist doch in einer anderen Qualität.

Ich sage das so: Vor Pfingsten wohnte der Heilige Geist mit seiner mehr oder weniger großen Kraft in den Herzen der Frommen, seit Pfingsten wohnt er als Person in den Gläubigen, bzw in den Gefirmten.

Jesus hat das in den Abschiedsreden so gesagt:

Ich will den Vater bitten, und er wird euch (an meiner Stelle) einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei ewiglich: den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
(Joh 14,16+17)
Achten wir auf den genauen Wortlaut: Der Geist bleibt - Präsenz! - bei den Aposteln, und er wird - Futurum! - in ihnen sein.

Bisher war der Geist “bei“ den Aposteln - eine sozusagen externe Hilfe. In Zukunft wird er “in“ ihnen sein - sozusagen eine interne Hilfe. Hier ist ja deutlich von einem Unterschied zwischen der Geisterfüllung vor und nach Pfingsten die Rede. Dabei ist der wichtigste Unterschied nach den Abschiedsreden Jesu zweifellos die betont persönliche Einwohnung der Person des Parakleten. Und das gilt nicht nur für das erste Pfingstfest, sondern auch für jede spätere Firmung, denn nach AG 8,5-17 und 19,1-7 ist ja die spätere Firmung ein nachgeholtes Pfingstfest für die späteren Christen.

Bei den späteren Firmungen kommt also wie beim ersten Pfingstfest der Heilige Geist als Person, als der Paraklet, als die dritte Person der heiligen Dreifaltigkeit bleibend in das Herz der Gefirmten - und auch das ist zweifellos ein größeres Wunder als die Auferweckung eines Toten oder die Heilung vieler Kranker.

*

An dieser Stelle ist vielleicht eine Bemerkung nötig über das Wohnen Jesu in uns durch das heilige Abendmahl und das Wohnen des Geistes in uns durch die heilige Firmung. Liegt nicht auch hier eine Konkurrenz vor? Wo Christus wohnt, wohnt ja auch der himmlische Vater und der Heilige Geist. Wenn also Christus im Abendmahl zu uns kommt, haben wir doch alles, auch den Heiligen Geist. Wozu braucht es dann noch die Firmung? Andererseits: wer gefirmt ist, braucht womöglich kein Abendmahl mehr, denn wo der Geist ist, ist ja auch der Sohn und der Vater.

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zum Ergebnis gekommen, daß man die verschiedene Einwohnung der gleichen heiligen Trinität durch die Tatsache erklären muß, daß die Firmung ein einmaliges Sakrament ist, das heilige Abendmahl aber auf Wiederholung angelegt ist. Einmal geht es um die ein für allemal konstituierte Gemeinschaft mit Gott und das andere Mal um die Wiederholung der Gemeinschaft - und das, sage ich, ist ähnlich wie in einer Ehe.

Auch die Ehe besteht ja aus einer doppelten Gemeinschaft. Wir reden im Deutschen von der “Gemeinschaft von Tisch und Bett“. Die “Gemeinschaft des Tisches“ bedeutet: die gemeinsame Wohnung, das gemeinsame Essen, die gemeinsamen Unternehmungen, die gegenseitige Hilfe, das alltägliche Gespräch - kurz: der gemeinsame Alltag miteinander. Diese Gemeinschaft wird mit der Hochzeit ein für allemal konstituiert. Die Hochzeit wird niemals wiederholt. Damit vergleichen wir die Firmung.

Die “Gemeinschaft des Bettes“ aber wird immer wieder neu vollzogen. Sie ist der immer wieder neue Höhepunkt der Ehe - wie die Feier des Abendmahls der immer wieder neue Höhepunkt im Leben der Kirche und des einzelnen Gläubigen ist - jedenfalls wo ein gültiges und ehrfürchtiges Abendmahl gefeiert wird.

Die Bibel selbst vergleicht ja das Verhältnis der Kirche zu Jesus Christus immer wieder mit dem Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau. Darum hoffe ich, es wird mir niemand den Vergleich von Firmung und Abendmahl mit der Ehe verübeln, mit der “Gemeinschaft von Tisch und Bett“.

Wenn aber jemand nach einem harmloseren Vergleich sucht, vielleicht für eine Firmpredigt, dem bietet sich das folgende Beispiel an:

Wir stellen uns eine Mutter mit Kindern vor. Die Mutter lebt mit den Kindern in einer gemeinsamen Wohnung. Normalerweise ist sie aber nicht immer direkt bei den Kindern. Von der Küche aus, wo sie vielleicht ihre Arbeit tut, achtet sie aus einer kleinen Entfernung auf ihre Kinder. Hört sie Geschrei, geht sie hin und greift ein. Ein Kind, das sich weh getan hat, wird getröstet. Kinder, die sich gezankt haben, werden ermahnt und versöhnt. Auf diese Weise ist die Mutter ihren Kindern immer ganz nahe, aber es gibt doch noch eine Steigerung: Am Abend bringt sie ihre Kinder ins Bett. Sie singt mit ihnen, sie liest ihnen vor und sie bespricht die Ereignisse des Tages; sie betet mit ihnen. In dieser abendlichen halben Stunde ist die Gemeinschaft der Mutter mit ihren Kindern noch ein klein wenig enger.

So kann man auch das Verhältnis von Firmung und Abendmahl sehen. Die Firmung vermittelt uns eine schöne, sozusagen “alltägliche“ Gemeinschaft mit Gott. Das Abendmahl aber schenkt uns immer wieder - allerdings nur für eine begrenzte Zeit - eine besonders intensive Gemeinschaft mit ihm. Dabei ist zu bedenken: Sowohl die alltägliche Fürsorge der Mutter für ihre Kinder als auch die besonders innige Gemeinschaft am Abend sind gleich wichtig für die Erziehung der Kinder und ihre gesunde Entwicklung.

Übrigens gehen beide Vergleiche davon aus, daß die alltägliche Gemeinschaft die Voraussetzung für die besondere Gemeinschaft ist. Das gilt in gewisser Weise auch für Firmung und Abendmahl. Theologisch gesehen gehört die Firmung vor die Zulassung zum Abendmahl. Auch das ergibt sich deutlich aus den Abschiedsreden. Jesus hat gesagt:

Wenn jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Derselbe wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er´s nehmen und euch verkündigen.
(Joh 16,13+14)

Dies ist ja ein in vieler Hinsicht wichtiges Wort. Heutzutage ist es eine wichtige Stelle in der Auseinandersetzung mit den Pfingstlern und Charismatikern. Deren Geist verherrlicht ja nicht Jesus sondern den angeblichen Geistträger. Er macht ihn stolz und aufgeblasen; er redet von Träumen und Visionen und wunderbar erhörten Gebeten. Dieser Geist macht stolz, er redet aber nicht von Sünde und Vergebung durch Jesus Christus. Oder wenn er doch von Sünde redet, dann wie famos der Betreffende früher gesündigt und wie elegant er sich durch seine Bekehrung jeder göttlichen Strafe entzogen hat. Dieser Geist verherrlicht den Menschen, nicht Jesus Christus.

Das Wort: “Derselbe wird mich verherrlichen“ ist aber auch ein wichtiges Wort für das Verhältnis von Firmung und  Abendmahl. Auch hier verherrlicht ja der Geist den Sohn, hier verherrlicht das Sakrament des Geistes das Sakrament des Sohnes. Die Salbung, die lehrt, belehrt auch in der Tiefe über das Abendmahl. Das Sakrament der Glaubensstärkung stärkt nicht zuletzt auch den Abendmahlsglauben.

Darum ist zu fordern - falls nicht andere seelsorgerliche Gründe dem entgegenstehen - daß wir im Verhältnis von Firmung und Abendmahl zur altkirchlichen Reihenfolge zurückkehren: erst die Firmung, dann die Zulassung zur Kommunion. Das gilt ganz besonders für die Kinderkommunion. Da man die Kinder viel weniger mit dem Verstand an das Abendmahl heranführen kann, ist es um so nötiger, ihnen durch das Tiefenverständnis der heiligen Firmung zu helfen.

*

Ich sagte ja schon, daß die Abschiedsreden teilweise schwer zu verstehen sind. Vieles wird nur angedeutet und ist nur verständlich im Gesamtkontext des Neuen Testamentes. Besonders schwer zu verstehen ist die mehrfache Aussage Jesu in den Abschiedsreden, daß das Gebet in seinem Namen in jedem Fall erhört wird. So heißt es beispielsweise im schon erwähnten Evangelium zum Sonntag Rogate:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er´s euch geben.
(Joh 16,23)
Heißt das, wenn man dem Gebet die Formel hinzufügt: “Lieber Gott, ich bitte Dich um Geld, Gesundheit oder was auch immer im Namen Jesu“, daß dann jedes Gebet erhört wird? Das ist offensichtlich nicht gemeint.

Gemeint sind nicht die privaten Gebete der einzelnen Gläubigen, sondern die Weihegebete der Kirche. Woher wissen wir, daß beim Abendmahl mit sakramentaler Sicherheit immer eine Wandlung stattfindet - einwandfreie Grundbedingungen einmal vorausgesetzt? Woher wissen wir, daß eine Firmung immer gültig ist - einwandfreie Grundbedingungen vorausgesetzt? Woher wissen wir, daß eine Priesterweihe immer gültig ist, wenn ein gültig geweihter Bischof sie nach kirchlichem Formular vollzieht?

Alle diese Sakramente werden ausgesprochen oder unausgesprochen unter Gebet im Namen Jesu oder im Namen Gottes oder der Dreifaltigkeit vollzogen. Die römische Messe wie auch viele evangelische Abendmahlsgottesdienste werden eröffnet “im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Dies zielt, wie ich meine, vor allem auf die Gebete, die zur Wandlung nötig sind. Etwas vereinfachend gesagt: Die Eröffnung des Gottesdienstes “im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zielt vor allem auf die Epiklese - auch wenn das nicht allen Teilnehmern bewußt ist.

Eigentliche Weihegebete, in denen explizit die Formel erscheint “im Namen Jesu Christi“ oder “im Namen des Herrn“, sind allerdings selten. Ich bin bei der Vorbereitung dieses Vortrages nur auf ein einziges gestoßen. So wird bei der Salbung der Hände des Priesters im vorkonziliaren Weiheformular das folgende Gebet gesprochen:

Weihen und heiligen mögest Du, o Herr, diese Hände durch diese Salbung und unsere + Segnung, damit alles, was sie segnen werden, gesegnet sei, und was sie weihen werden, geweiht und geheiligt sei, im Namen unseres Herren Jesu Christi.

Implizit muß man sich jedoch eine solche Formel wohl bei jedem echten Weihegebet hinzudenken.

Erstaunlicherweise erscheinen solche Formeln allerdings häufig bei den Segensworten, die die sakramentale Handlung begleiten. Das ist schon bei der Taufe so, wenn wir sagen:

Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Oder beim vorkonziliaren Firmritus lauteten die Worte, die die Stirnsalbung begleiteten:
N, signo te signo + Crucis et confirmo te Chrismate salutis in nomine + Patris et + Filii et Spiritus + Sancti. Amen.
N, ich besiegle dich mit dem Siegel des + Kreuzes und stärke dich mit dem Chrisam des Heiles im Namen des + Vaters und des + Sohnes und des Heiligen + Geistes.  Amen.
Oder bei der vorkonziliaren Diakonenweihe wurde in die Weihepräfation unter Handauflegung das folgende Segensvotum eingeschoben:
Empfange den Heiligen Geist zur Kräftigung, und um zu widerstehen dem Teufel und seinen Versuchungen. Im Namen des Herrn.
Oder bei der Priesterweihe hieß es bei der Berührung von Kelch und Patene:
Empfange die Gewalt, das Opfer Gott darzubringen und Messen zu lesen sowohl für die Lebenden als auch für die Verstorbenen. Im Namen des Herrn.
Oder, um noch ein letztes Beispiel anzuführen, bei der Bischofsweihe hieß es:
Dein Haupt werde gesalbt und geweiht mit himmlischer Segnung zur bischöflichen Würde. Im Namen des + Vaters und des + Sohnes und des Heiligen + Geistes.
Das sind zwar alles keine Gebete im Namen Jesu, sondern segnende und ausdeutende Begleitworte zu einer sakramentalen Handlung. Sie spiegeln aber das Bewußtsein der Kirche, daß die Sakramente gültig sind dadurch, daß sie unter Gebet im Namen Jesu Christi vollzogen werden.

Übrigens sind alle diese Formeln “im Namen des Herrn“ oder “im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ in den neuen römischen Weiheformularen wie auch bei der Firmformel ausgefallen. Das bedeutet aber, wie ich meine, keine Änderung der Theologie oder der Intention, sondern nur eine geringere Klarheit und Durchschaubarkeit der neuen Riten. Immerhin heißt es jetzt in der Präfation, die der Bischof in der Ölweihmesse singt in Hinblick auf die Priester:

In seinem (= Jesu) Namen feiern sie immer neu das Opfer.

*

Ich wiederhole noch einmal: Mit der mehrfachen Verheißung Jesu in den Abschiedsreden, wenn die Jünger etwas bitten würden in seinem Namen, werde das Gebet erhört, sind die amtlichen, sakramentalen Gebete und Riten der Kirche gemeint. In diesem Zusammenhang ist nun auch das folgende Wort aus den Abschiedsreden wichtig, in dem Jesus zu den Jüngern sagt:

Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. Und auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen.
(Joh 15,26+27)

Die Abschiedsreden gelten zunächst nur den Aposteln. Die Abschiedsreden gelten zunächst einmal nicht allen Christen, sondern nur den Aposteln. Nur sie sind von Anfang bei Jesus gewesen. Wir sind es nicht.

Nur den Aposteln gilt also:

der Geist der Wahrheit ... wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
(Joh 16,13)
Damit verspricht Jesus allen zwölf Aposteln eine Art päpstliche Unfehlbarkeit. Das ist ja auch der Grund, daß wir an eine apostolische Kirche glauben. Und alle zwölf Apostel werden, das verspricht ihnen Jesus ebenfalls, Propheten sein, wenn der Pfingstgeist zu ihnen kommt. Das großartigste Zeugnis dieser apostolischen Prophetie ist ja die Offenbarung des Johannes.

In diesen Zusammenhang gehört auch das folgende Wort aus den Abschiedsreden:

der Tröster, der heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, was ich euch gesagt habe.
(Joh 14,26)
Das ist eine Garantieerklärung für die Zwölf, daß sie sich allezeit richtig und genau erinnern werden, was Jesus zu ihnen gesagt hat. Das ist ja auch eine Garantieerklärung zumindest für das Matthäus- und das Johannesevangelium. - Es ist keine Garantieerklärung für jeden einzelnen späteren Christen.

Wir sehen: In den Abschiedsreden gelten manche Worte nur den Zwölfen, manche Worte gelten auch ihren Nachfolgern, den Priestern und Bischöfen der Kirche. Manches ist auch allgemeingültig formuliert. Zum Beispiel:

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.
(Joh 14,23)
Die alte Kirche hat gesagt: Taufen kann jeder Christ, Abendmahl einsetzen nur der Priester, firmen nur der Bischof. Zumindest kann nur der Bischof das Chrisamöl weihen. Jesus sagt: Jedes dieser Sakramente ist ein größeres Wunder als die Auferweckung eines Toten und die Heilung vieler Kranker.

Es ist gut für uns, daß der irdische Jesus diese Welt verlassen und uns dafür seine tröstlichen Sakramente geschenkt hat.

Vortrag von Pastor i. R. Karsten Bürgener,
gehalten auf einer Theologischen Tagung des "Hochkirchlichen Apostolats St. Ansgar"

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